Auslaufmodell

ich vermisse meine Kollegen. Heute saß ich schon um kurz vor sieben am Schreibtisch.Eigentlich wäre ich gerne mal ins Büro gefahren. Aber da ist niemand. Wir sollen alle daheim bleiben. Damit sind die Pflanzen in unserem Zimmer schier verdorrt, die Post liegt ungeöffnet in den Fächern, die Schreibtische werden sinnloserweise täglich desinfiziert. Alexander ist im Gesundheitsministerium und beantwortet Coronafragen, schon seit Wochen, daheim wartet er darauf, dass seine Frau endlich ihr zweites Kind bekommt und die kleine Ida ihr Schwesterchen. Barbara wohnt in einer großen WG und tut sich schwer mit Homeoffice, Markus bleibt daheim in Ingolstadt und redigiert von früh bis spät die Artikel, die in die Juliausgabe unserer Zeitung kommen. Verstreut. Heute Telefonkonferenz. 90 Minuten lang. Zwischendurch habe ich die Augen zugemacht und nur den Stimmen gelauscht. Vor allem den sehr angenehmen Stimmen der Jungs, ich wäre beinahe darüber eingeschlafen. Eigenartig, diese Widersprüche : Sie könnten allesamt meine Kinder sein, sie bringen all die anderen Fähigkeiten mit, die in dieser Generation so üblich sind: Beste Kenntnisse im Umgang mit den sozialen Medien, im Digitalen selbstverständlich daheim, sehr gebildet. Und trotz des Altersunterschieds haben wir eine gute Basis  für Zusammenarbeit. Mit ihnen vergesse ich oft, dass ich ja ein „Auslaufmodell“ bin. Ja, das sind also die letzten paar Jahre, die ich hier arbeite. Und sie sind die besten. Weil ich nicht unter Druck stehe. Weil ich sehr geschätzt werde. Weil ich das, was ich an Arbeitsaufgaben bewältige soll, sinnvoll finde. Weil ich meine Kollegen gern hab. Es wird Zeit, dass wir uns wieder öfter sehen.

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2 Antworten

  1. Heike sagt:

    Mein Kommentar weg? Wollte sagen: dein Bericht klingt wie ganz zu Anfang….während sich bei mir, bei uns so manches abgeschliffen hat. Und dass mir nie in den Sinn gekommen wäre, was du beschreibst und auch ich erlebe, dieses eines Tages ganz organisch abgelöst werden durch eine neue Generation. Erst waren es Einzelne, dann die Mehrheit, irgendwann geht die nächst Älteste und dann ist man auf einmal selbst diejenige.

  2. Renate sagt:

    So soll es sein, mit einem guten Gefühl ein „Auslaufmodell“ sein. Die Alten gehen, die Jungen kommen und beide Seiten lernen voneinander.

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