Geburtstagsneurose und Heimarbeit
Der Freitag Abend bei Heike war auch für uns als Peergruppe sehr schön. Natürlich wäre ich am Nachmittag beim literarischen Teil des Tages auch gerne dabei gewesen. Es freut mich so, dass es für Heike so ein stimmiger Tag war, wo sie sich gar nicht so viel aus Geburtstag macht. Ich hingegen bin da ein bisschen empfindlich. Wenn der Geburtstag einfach so ohne Party oder etwas Besonderes verläuft, werde ich depressiv. Ich brauche am Geburtstag dieses Gefühl, dass ich wichtig bin, dass es mich gibt und dass ich gemocht werde. Zum einen stand ich als Kind mit meinem Zwillingsbruder nie alleine im Mittelpunkt, kann mich auch nicht an schöne Geschenke erinnern. Zum anderen haben meine Eltern an dem Tag oft andere Pläne (Urlaub, Verwandtenbesuch) gemacht, anstatt eine Feier für uns zu organisieren. Dieses Jahr wollte ich ja groß feiern, aber wegen Corona wird es nun was Kleines, aber nach meinem Geschmack. Mit Schwester, Schwager und Hubert am Tag eine gemäßigte Wanderung machen und abends zusammen Kochen und Essen wahrscheinlich bei schönem Wetter auf der Terrasse, Maja wird dann am Abend auch nach Schliersee kommen. Der Tag heute wird wohl gemütlich vertrödelt werden. Ich hab gar keine Lust raus zu gehen. Geplant ist mit Hubert mein Fahrradlicht zu reparieren und bei der Gelegenheit das Radl etwas zu putzen, eventuell auf der Terrasse ein bisschen Unkraut entfernen, mit Eltern telefonieren, abends kochen. Damit wird der Tag schon gut ausgefüllt sein. Ich merke, dass ich etwas faul geworden bin in letzter Zeit, am Liebsten will ich an den freien Wochenenden nur zu Hause etwas herumwursten und es gemütlich haben. Ein wenig liegt das auch an der Rollenverteilung mit Hubert. Er ist der tatkräftige Heimwerker, der alles schnell erledigt, noch bevor ich mich dazu aufraffen könnte. Als ich noch alleine gelebt habe, war ich fleißiger. Für ihn ist es wichtig, immer etwas zu tun zu haben, er wird unzufrieden, wenn er tatenlos sein muss. Manchmal hab ich ein schlechtes Gewissen, dass er viel mehr für unser gemeinsames Leben tut als ich, aber er versichert mir immer, dass er das nicht so empfindet und dass er gerne diese Arbeiten macht. Deshalb lasse ich es jetzt mal so laufen.
So einen Hubert könnte ich auch gebrauchen, Michael lässt in mancher Hinsicht nach… jedenfalls reißt er sich nicht mehr um Reparaturarbeiten. Das mit dem Feiernmüssen habe ich jetzt endlich verstanden; es ist ja skrurril, dass euer Geburtstag anderweitig verplant war. Ich fühle mich wichtig genug, wenn zweimal drei Frauen zu mir kommen, zueinander finden und Raum für Vertrautheit ist mit mir als vierter oder bei der Gelegenheit erster.
Wenn etwas ansteht wie den Wasserhahn entkalken, das Rad aufpumpen etc., dann weiss ich: Wenn ich es nicht mache, geschieht es nicht. Das ist der Schlüssel der alleinstehenden Menschen: Aktiv alles angehen, erledigen, damit der Alltag gut gelingt. Es ist nicht schlimm, es ist täglich Realität. Aber entspannter ist ein Leben, in dem die Aufgaben geteilt werden, allemal! Schade, dass Feiern in Coronazeiten nur im kleinen Kreis möglich sind!