20-12-25-Heiligabend: Winterreise – spirituell+gesellig

Heute nichts als Ruhe. Besonders erfüllend war für mich gestern mein PatientInnenbesuch. Zu Zweien habe ich richtig Beziehung. Ich habe etwas gewagt, nämlich aus der alltäglichen Kommunikation auszutreten. Ich habe der jungen Hirntumorpatientin „Steht auch mir zu Seite“ vorgesprochen, ihre Schwester, die nicht glaubt, dass die Patientin uns versteht, hat es Satz für Satz ins Bulgarische übersetzt, sie dazu in den Armen gewiegt; eine andächtige Atmosphäre. Ich habe meinen Brief vorgelesen und ihr ein Bethlehemkreuz angeboten. Das hat sie abgeküsst, ans Herz gelegt, an die Stirn, die Schwester hat geschluchzt – eine kühle Intellektuelle, die mit den Ansprüchen, mir der ich letzte Woche zusammengerückt war! Die Patientin sagte vernehmlich: „Nur Gott allein hilft“ und „nicht weinen.“ Sie lagen sich in den Armen. – Bei meiner Bäckereiverkäuferin wusste ich wenig, wie sie spirituell steht. Ihr Mann war da. Als ich nur sagte: „Steht auch mir zur Seite“….liefen gleich die Tränen. Nicht unkompliziert, denn Weinen mit dem Tracheostoma bringt die Atmung durcheinander. Auch ihr habe ich ein Bethlehemkreuz in die Hand gegeben, das sie inniglich annahm. Dieses Handkreuz – steht unausgesprochen im Raum – wird möglicherweise in ihrer Hand liegen, wenn sie stirbt. Ich hatte Mut gebraucht. Es war notwendig. Unser Seelsorger ist kaum bei denen, die nicht verbal schillern. Das war mein Weihnachten. Bei den anderen nur meinen Brief abgegeben und ein wenig „geplaudert“. – Als Gregor und Ines abends weg waren hat Michael gekocht, gebratene Forellen mit Butterkartöffelchen und Lauchkarottengemüse. Ich habe mit Fabian – der gerade kam, als die beiden gingen (nur noch eine gemeinsame Geschichte!) – die Winterreise gehört. Dass es ihm die Tränen in die Augen trieb und er gestisch Bezug zu sich herstellte, das war für mich eine innige Stunde. Die zweite Hälfte mit Michael zu dritt. Der fand das unerträglich, hat sich aber eine Dreiviertelstunde lang widerstandlos ergeben. Ich habe das nun schon dreimal gehört. Ein schöner Heiliger Abend.

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2 Antworten

  1. Beate sagt:

    wie besonders mag es sein, wenn am Tag, der durchdrungen ist mit der Frohen Botschaft von der Geburt Jesu Menschen am Ende ihres Weges angelangt sind und Du Ihnen beistehst und so viel geben kannst. ich war sehr berührt davon. Und wie gut ist es auch, dass Fabian immer wieder Deine Nähe sucht. Das hält ihn, ist ein Netz unter seinem Seil

  2. Ines sagt:

    So schön, was du von deinen Heiligabend- Begegnungen beschreibst.

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