21-02-20-CoTaBu-Traumgebilde – Altersleid + Fastentexte
Lang geschlafen, bis Mittag gesandelt. Morgens bin ich mit einem Traum aufgewacht. Ich hielt ihn für gravierend und glaubte mich gegen Vergessen gefeit. Weg war er. Ausgiebig im Halbschlaf weiter geträumt oder im Halbtraum Gedankenfetzen miteinander verknüpft – ein seltener, äußerst kostbarer Zustand. Uralte Szenen liefen über den Horizont, über die ich nach Jahrzehnten Erkenntnisse gewann. Leider störte das Telefon. Ignorieren half nichts. Beim zweitenmal aus dem Bett gestochen, dann war es vorbei. Mittags am Marienstift Anni in niederschmetterndem Zustand abgeholt. Michael wird ständig angerufen, sie habe keine Hosen mehr, keine T-Shirts usw. Tatsache ist, sie hat massenhaft, packt aber alles ständig ein. Heute kam sie im schwersten Wintermantel über zwei Fleecejacken raus (vom neuen federleichten, kuscheligen weiß sie nicht mehr). Jetzt habe ich mich von niemandem verabschiedet, sagt sie bedröppelt. Es hat über eine halbe Stunde gedauert, bis sie halbwegs im Hier und Jetzt angekommen ist. Dachte, jetzt ginge es endlich los. Wohin? Keine Ahnung? Alles wieder und wieder erklärt. Am Feldmochinger See war es ein solches Trippeln und Schleichen, es ging einfach nicht. Zu Michael auf einen Kakao gefahren. Was säßen wir denn hier herum, das brächte doch nichts. Wann es losgehe? Seitdem ist jeder von uns seiner Wege gegangen, ich noch zum Friedhof. Abends habe ich den Aetas-Schreibkursdamen meine Fastentexte geschickt. Sie hatten auf meine Impulse per Email berührende, sehr authentische Texte geschickt, jede an alle. Große Freude und Inspiration.
Oh, es ist echt ein Leid, es geht ihr zusehends schlechter, nicht wahr? Ich erinnere mich noch an ihre hochgezogenen Mundwinkel, sie hat einen so freundlichen Gesichtsausdruck
Schauen die Pflegerinnen im Heim nicht nach, was Michaels Mutter im Schrank oder Koffer hat? Erklärungen bei dementen Menschen bringen nichts, dass weiß ich von unserer Mutter. Es kommt einfach nicht an, oder nur kurz und dann kommt die gleiche Frage wieder.
Deine Beschreibung des Treffens mit Anni ist deprimierend. Muss auch für Michael schwer erträglich sein. Dass die Pflegerinnen nicht so weit denken, dass die mal in die Taschen schauen, finde ich auch befremdlich. Das ist ja nicht das erste mal.
An euch alle: sie lässt es nicht zu, lässt keinen ran. Sie hat keinen Koffer, sondern bündelt alles in Plastiktüten unterm Tisch oder sonstwo. Da dürfte nur Michael ran, und der hat das Haus seit enem Jahr nicht betreten dürfen. Erklärungen bringen nichts. Aber was soll man sagen? Irgendwas musst du ja antworten, wenn sie fix und fertig dasitzt und du verstehst, dass sie denkt, dass das jetzt der Aufbruch ist. Sie selbst sagt immer und immer: das muss einem ja mal gesagt werden. Wenn sie sagt, dass ihre Mutter oder Geschwister sich auch mal melden könnten. Dass sie in einem Zimmer ist, das nicht ihres ist und gleich woanders hinmuss. Dass sie den Mantel Michael geben will, weil er ja nicht ihr gehört. Du kannst ihr nicht rechtgeben, du kannst auch nicht schweigend vor dich hinstarren. Also erklärst du, auch wenn es nicht zum Ziel führt.