2026-04-04-Oster- und Nachreise-Blues – literarische Trostpflaster als erste Lichtblicke, aber eine böse Hand

Dass Michael singt….so ist es nun auch wieder nicht! Hier könnte aus einem zaghaften Samen ein zartes Pflänzchen entstehen, das ich voreilig ans Licht gezerrt habe. – Was ich ständig höre von Arztbesuchen, (Notarzteinsätze ausgenommen), Reflux, Schlafapnoe, Arthrose, Leber, Cholesterin, Magen, Knochen, Zähnen erinnert mich an alles, was ich auch habe und ignoriere. Ist es besser oder schlechter, es so oder anders zu machen? Reflux „behandle“ ich durch hohe Kissen im Bett, die Hand binde ich mir selber ein, Schlafapnoe-Überweisung Schlaflabor ist längst verfallen, ebenso Venenzentrum. „Bringt alles nichts“ ist das was ich bei Klienten gehasst habe, deshalb traue ich mich das kaum auszusprechen. Aber das ist die Haltung. Michaels Untersuchungen, auf die er sich widerwillig eingelassen hat, haben außer Tausenden von Euro hohen Rechnungen keinen Schritt weiter geführt.

Seit Dienstag Nacht zurück. Von Sorge niedergedrückt, von der Reise zerschlagen, um Jahre gealtert. Ich könnte erzählen, wie herzlich wir empfangen wurden, was wir Schönes und Interessantes gesehen haben; Maciejs Atelier innerhalb der ehemaligen Textilmanufakturen. Annas fantastische Exponate im Textilmuseum; Landhaus; Grab des Vaters. Poznanski-Palast im Kontrast zu den Arbeiterwohnungen. Jüdischer Friedhof. Essen einmal tschechisch; ein Markt wie die Auer Dult, einmal im berühmten Anatevka’s. Eine Wohnung angeschaut. Ich könnte auch erzählen, wie heruntergekommen, wie stehengeblieben, Armut, Gräue… Ich will in meine Gedanken, Sorgen, auch in die Spannungen nicht näher eintauchen. Sie würden nicht leichter, indem ich sie auf Papier bringe.

Lichtblick – Wilhelm-MeisterInnen-Runde bei Gabriele. Susanne und Renate krank, so lief es etwas anders. Wir haben erstmal besprochen, was die andere Schreibgruppe betrifft – was ich sonst strikt trenne. Jemand aus dem Dasein-Workshop möchte weiterschreiben, Folgetermine passen nicht. Ob es ein anderes Angebot gibt? Also stelle ich eine „Neu-Aufnahme“ zur Disposition – fast unvorstellbar nach drei Jahren. Danach das ergiebige Anschlussgespräch auf der Straße mit Lioba; später letzte Chorprobe, in der wieder Martha neben mir stand. Auf dem Heimweg fast in die Hose gemacht. Kälte, Phobie vor fremden Klos, Blasenentzündung und….das Alter? Offenbar kann ich es nicht mehr verkneifen. – Mittwoch: Tolstoibibliotek außertourliche Vorführung des Original Doku-Filmes. Der zeigte, wie das so ist, beileibe nicht alles Wissenswerte, aber Menschenaufläufe, hungernde Kinder, posierende Kinder, Tolstois Familie, 300-jähriges Jubiläum der Romanows, den 80-jährigen Tolstoi, wie er sich aufs Pferd schwingt – die Geräusche dazu können wir nicht immer lesend erleben. Die unterschiedlichsten Perspektiven aber zeigt der Film nicht, die lassen sich nur er-lesen.

Donnerstag hatte ich Michael zu verdanken, dass ich eine Verabredung nicht vergeigt habe. Ich hätte schwören können: heute liegt nichts an, bis ich aufgrund seiner Frage in den Kalender schaute. So konnte ich gerade noch Richtung Tribeca davonstieben. Nach langer Zeit einmal zu zweit mit Heike B., was etwas ganz anderes ist als „in Gruppe“. – Strahlender Karfreitag. Lang geschlafen, weil ich wie so oft vor der Glotze versumpft war. Isarspaziergang, dann (sauteuer und mittelmäßig) Metzgerwirt. Danach Christkönig, was eher zur Tortur geriet. – Hoffentlich kann ich mich/wir uns morgen zum Osterputz durchringen. Seit unserer Rückkehr habe ich eine schlimme Hand, mal sehen, wie das gehen kann. – Karsamstag. Tristesse. Die Hand ist über Nacht noch schlimmer geworden – da geht nichts, selbst den Osterfladen muss ich Michael überlassen. Da mir ja nichts zugestoßen ist bleibt nur die Idee, ob ich die Hand durch jahrelanges Hochhalten von teils schweren Büchern (im Bett, immer links) ruiniert habe? Oder Arthrose, was ja alle haben?

Heute früh Solschenizyns Iwan Denissowitsch zu Ende gelesen. Erinnert an Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Das Straflager als Dauerbrenner in der russischen Literatur. Mit Michael weiter Deutschstunde. Langsam fasse ich literarisch wieder Tritt nach der Unterbrechung durch die Reise. – Ostern. Was ist es ohne Familie?

 

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3 Kommentare

  1. Beate sagt:

    …von der Reise zerschlagen“ – ich dachte, du seist noch länger dort. Solch ambivalente Erfahrungen! Die Kunst von Anna, die Begegnung mit der Familie und die tristen Gebäude, Straßenzüge, wie sie unsereins nur fremd anmuten. Schön, dass Du wieder da bist! Dass an Ostern Licht und Zuversicht auf den Karfreitag und die Kümmernisse der vorangegangenen Tage fällt! Und gute Besserung für deine Hand! Heißt, aus dem Osterputz kann ja auch noch ein Nach-Oster-Frühjahrsputz werden….

  2. Ines sagt:

    Ach, Heike, diese Sorge, die du seit einiger Zeit mit Dir herum trägst und die dich belastet….ich wünschte, wir könnten hilfreich sein. Die schmerzende Hand wird vielleicht durch eine veränderte Leseposition besser. Schonung scheint mir angemessen. Das Gesundheitssystem ist am kollabieren, weil es viele überflüssige Untersuchungen gibt. Jede muss für sich einen Weg finden, wie viel man sich davon erhofft und in Anspruch nimmt.

  3. Renate sagt:

    Was ist besser? Ignorieren oder zum Arzt gehen. Am Ende kommt es wahrscheinlich auf‘ s Gleiche raus. Die Häuser in ehemals sozialistischen Ländern sind immer noch in einem trostlosen Zustand. Nicht viel verändert seit den 70er 80er Jahren. Radfahren mit Athritis oder Athrose ist gar nicht angenehm.

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