21-06-15-CoTaBu- Lythischer Coctail aus Überdosis Telefon + Anni

Etwas muss gegen diese Müdigkeit geschehen! Endlich Sommer- und Gartensaison, die Abende sind lau und könnten lang werden. Ich aber bekomme bei Michael aufgetischt; die Zeiten, in denen ich spät aus dem Hospiz komme, sind vorbei, ich komme meist schon um 17:00 raus. Noch während des Abendessens werde ich so müde, dass ich beinahe auf dem Stuhl einschlafe. Natürlich ziehen mich auch Michaels Berichte herunter. Dass er sich engmaschig um seine Mutter kümmert, mündet jetzt in teilweise stundenlanges Warten ihrerseits an der Pforte, meist mit aufgepacktem Rollator, in dem eine Sandale liegt, ein Porzellanhund, Wintermantel, Strickweste, Mützen, Fäustlinge, eine Tasse. Nicht etwa zum Spaziergang wird er sie holen, sondern nach Sensburg. Er kann es nicht lassen, ihr morgens am Telefon zu sagen, dass er z.B. später kommt. Oder: heute komme ich nicht. In jedem Fall geht sie los. Wenn er sie nicht mehr erreicht, fragt er an der Pforte. Er kann nicht anders, als an ihre Vernunft apellieren. Er kann auch nicht anders, als dann hinzugehen. Vielleicht tut ihm deshalb alles weh? So weh, dass ich mich frage, wie wir bis Samstag noch alles halbwegs auf Vordermann bringen wollen? Ich, todmüde wie nach einem lythischen Coctail, gehe dann heim, schlafe sofort, wache mitten in der Tagesschau auf, in der Constantin Schreiber steif wie ein Konfirmand die Nachrichten vorträgt und raffe mich dann helllichtem Tage nur noch Richtung Bett auf. Bald sollte die Schwimmsaison eröffnet werden, aber so müde geht auch das nicht. Im Hospiz landunter, soviele sind krank. Aufnahmepause bei ohnehin auf Monate nicht mehr als neun Patienten. Das viele Telefonieren gibt mir den Rest. Wiewenige sehen sein, dass sie nicht die Einzigen sind? Dass das Hospiz nicht einfach nur „ich will das“ bedeutet, dass „niemals in ein Heim gehen wollen“ kein Kriterium ist? Dass es nicht genügt, etwas zu haben, das eines Tages schlimm werden könnte? Und dann gibt es noch die, die es wirklich brauchen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

3 Antworten

  1. Beate sagt:

    Was Du von Anni schreibst, ist so sehr traurig. jedes Mal. Ihre Unruhe. Ihr Drang nach Nirgendwo, der Sensburg heisst, das Heimat der jungen Anni war. Der gepackte Rollator mit unsinnigem Krimskrams. Es schmerzt mich auch zu lesen, wie nahe es Michael geht, der nicht auskommt. Die Schwere am Abend kenne ich auch: Noch vor der Tagesschau einschlafen. Bald ist Dein Geburtstag!

  2. Renate sagt:

    Die Angst dass zu deinem Geburtstagsfest nicht alles fertig ist, die anstrengenden Angehörigen, die ermüdenden Telefonate im Hospiz, die Demenz von Michaels Mutter, der Gesundheitszustand von Michael, das scheint zusammengenommen für deine Müdigkeit verantwortlich zu sein. Klingt auch sehr belastend.

  3. Ines sagt:

    Ach je. Das ist echt viel und die Müdigkeit ist vielleicht eine Reaktion auf all das, und belastet dann zusätzlich. Ein Teufelskreis. Ich hoffe, du schläfst dich die nächsten Tage aus und bist bis zum Wochenende fit wie ein Turnschuh.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert