21-08-22-CoTaBu-Michaels Cousins mit Rampensau + Saigyos Wakas
Was werde ich ich mit meinen Ferien anfangen, um hinterher zufrieden zu sein? Unser Liebäugeln mit Mecklenburg-Vorpommern hat sich zerschlagen. Der Gutshof mit Antiquitäten war uns zu großartig. Das Einfache ist schwer zu bekommen oder ausgebucht. Es ist wie mit allem, wenn man eingibt „schlicht“, „urig“, „primitiv“: Man landet bei Traumquartieren, Traumhochzeiten, Traumzielen – all das wollen wir nicht. Es wird also eine Reise ins Innere, in die Ruhe, zu kleinen bescheidenen Zielen und vielleicht zu Dingen, zu denen ich sonst nicht komme. Gerade ist ein Cousin von Michael mit Frau da. Sie sind sowas von nett, aber auch so anders. Wir schließen nicht aus, dass sie AfD wählen könnten, lassen alles weg, was „Welt“ betrifft und reden über allmontägliche Fahrradgruppen, Hühnerhaltung, die Gymnastik, die jetzt Yoga wurde (so fremd) und übers Einmachen von Marmeladen und Gurken in ihrem hessischen 200-Seelen-Dorf. Die Beiden radeln täglich 70km (also unkompliziert, weil beschäftigt miteinander). Noch ein anderer Cousin ist gekommen, auch sehr nett. Seine Frau aber arbeitet uns nach anfänglicher Faszination (so hübsch, lebhaft, herzlich) rampensauartig auf. Ihr Organ schallt durch den Biergarten, alles ist großartig, gelingt und immer ist sie die Siegerin; sie sagt, sie lacht gern; dieses Lachen knallt ausschließlich über ihre eigenen Anekdoten in die Welt. Da steigt still der Mond aus den Kastanien, für Leises aber ist keine Wahrnehmung. Ich dagegen lande jetzt bei meinen geliebten Büchern. Will ich mich in all das Japanische vertiefen, das mich mehr und mehr einnimmt, wieviele Leben bräuchte ich noch dazu? Gerade gehe ich die in Wakaform (ältere Form des Kurzgedichts, Vorläufer der Haiku, 31 Silben) verdichteten Wege des Wandermönchs Saigyo aus der Bergklause. Wie trauere ich um mein Gedächtnis und darüber, dass es vermutlich nicht reicht, um Japanisch zu lernen. Vor langer Zeit habe ich aus Gründen des vertieften Bibelverständnisses Altgriechisch gelernt. Japanisch aber ist eine andere Kragenweite.
Heutzutage sind die Ansprüche der meisten Urlauber hoch und die Unterkpnfte dem entsprechend stylisch. Was mir einfällt wäre ein Bauernhof, da könnte es noch einfach und urig zugehen. Laut über seine eigenen Geschichten lachen und dazu noch den ganzen Biergarten unterhalten, wie nervig. Der Mond gestern, den weißen Wolkenschaum an seiner Seite, war wunderbar.
Ich finde es auch schwierig, den einen Ort zu finden, an dem man seinen Urlaub verbringt. Die Reise ins Innere dagegen klingt aufregend. Die Cousins von Michael haben ja einiges zu bieten. Rampensau-Frau und potentiell AfD-wählende Extremradler. Da verstehe ich, dass du dich in deine Bücher vertiefen willst. Vielleicht solltet ihr mal eine Reise nach Japan anstreben im nächsten Jahr zur Kirschblüte.
An eine Japanreise denke ich schon lange. Sie muss- so wie ich gestrickt bin – jahrelang vorbereitet sein. Sie hat sonst keinen Sinn.