Vater

Und wieder sitze ich im Zug, diesesmal auf dem Rückweg nach München. Donnerstag Abend hatte mich mein Vater abgeholt. Erst um halb zwei bin ich in mein altes Jugendbett gefallen, nachdem wir bei einer Flasche Wein unser erstes von mehreren guten Gesprächen hatten. Das Sprechen mit meinem Vater war bei diesem Besuch etwas ganz Besonderes. Auch am nächsten Abend waren wir gemeinsam im Restaurant und danach wieder viele Stunden auf dem Sofa und so offen und ausgiebig wie noch nie zuvor miteinander gesprochen. Das hat mich unglaublich glücklich gemacht, weil, im Unterschied zu früher, diesesmal keine Distanz spürbar war und ungemein viel Interesse aneinander. So weiß ich jetzt viel über seine Innenwelt, sein Gefühl, im Leben immer funktioniert zu haben und sein Wunsch die verbleibende Lebenszeit auszunutzen und das Dilemma, dass meine Mutter ihn täglich braucht. Freitag war ich alleine Vormittags bei meiner Mutter zu Fuß und Nachmittags nochmal mit Vater, Schwester und Neffe. Auch Samstag waren wir den ganzen Nachmittag da, sowie eben vor der Abreise. Sie ist sehr schwach und ihr fallen die Augen öfter zu. Aber sie ist immer präsent und weiß genau, was sie will, gibt konkrete Anweisungen, was sie braucht. Sie kann nichts mehr selbstständig machen und das macht ihr mal mehr mal weniger zu schaffen. Die Pflegerschaft ist ausgesprochen nett und alle bemühen sich um eine fröhliche Atmosphäre. Dennoch ist der Mangel an Personal überdeutlich zu spüren. Alle sind im Laufschritt unterwegs. Samstag Abend waren wir bei meiner Schwester und ihrer Familie zum Essen eingeladen gemeinsam mit Bruder und Frau. Gespräche zwischen ernst und lustig. (Jetzt musste ich kurz unterbrechen, weil ich den Zug gewechselt habe). Mein Bruder hatte sich inzwischen mit dem Leiter der Palliativ-Teams unterhalten. Der kennt die Haus- und Heimärztin meiner Mutter und hat schon gut mit ihr zusammengearbeitet. Er meinte, sie hat einen guten Blick dafür, wann die Palliativmedizin übernehmen soll. Wir waren uns einig, dass mein Vater es bei der Hausärztin ansprechen soll, dass unsere Mutter aber noch nicht soweit ist. Ich fahre mit einem relativ guten Gefühl nach Hause. Habe den Anschluss wieder. Mein Vater gab mir den Hausschlüssel seines Hauses, den ich abgegeben hatte, als ich nach München zog mit 25 Jahren. Ich soll jederzeit kommen können, auch spontan oder wenn er nicht da sein sollte.

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3 Antworten

  1. Heike sagt:

    Es ist, als ob unsere Väter allesamt erst mit eigener Gebrechlichkeit oder – wie bei euch – durchs Ausfallen der Frauen zum Zuge kommen. Wer hatte schon den Vater als Hauptbezugsperson? Sie waren den meisten von uns nie nahbar. Immer hatten die Frauen das Sagen. Merkwürdig, wie sie trotzdem einer ganzen Gesellschaft als „alte, weiße Männer“ zum Feindbild geworden sind.

  2. Renate sagt:

    Es scheint als wenn die Töchter mit den Vätern erst im hohen Alter können. Bei mir war es so. Ich hatte noch nie soviel Kontakt zu meinem Vater wie in seiner letzten Zeit als er noch zu Hause war und später im Hospiz. Die Mütter stehen dem oft im Weg. Mich freut es für dich, dass du erfüllt und mit dem Hausschlüssel zurückkommst.

  3. Beate sagt:

    Es ist doch auch sehr erstaunlich, ich teile dies Erfahrung auch! Kaum hatte ich die 40Lebensjahre überschritten, ergab sich langsam und Schritt für Schritt eine neue Harmonie in der Beziehung zu meinem Vater, sie wuchs und gab mir eine neue Lebensstabilität

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