21-09-29-CoTaBu-Flexibilität vs. Kontemplation + Nervenzerreißprobe

Ich habe über Flexibilität nachgedacht. Flexibel bin ich nicht, indem ich Freiräume aufbewahre, für mich „reserviere“, um im Lot zu sein. Fülle ich unbedacht meine Zeit, fehlt etwas Wichtiges, nämlich die Verabredung mit mir – Voraussetzung, mich zu vertiefen. Auch ohne den so wichtigen Schlummer im Wechsel mit meinen Lektüren bin ich nur ein halber Mensch. Ohne stille Zwischenräume verkommt mir alles zum Zeitvertreib. Es ist also möglich, in diese Freiräume etwas zu platzieren; es ist aber auch wieder nicht möglich, weil dann der Montag kommt ohne diesen wesentlichen Aspekt der Regeneration; Montag bis Donnerstag bin ich vollkommen absorbiert, das ist das ganz andere Leben. Das „Eigene“ aber darf nie Nebensache werden. Seit zwei Wochen komme ich kaum dazu. – Seit einer Woche ist Gregor im Urlaub. Christine gebärdet sich wie toll. Selbst, wenn bei mir das Telefon geht, reißt sie bereits bei sich den Hörer von der Gabel und nimmt meinen Anruf – per Umschalte – entgegen. Sie dachte, ich sei im Gespräch gewesen. Könnte das nicht frustrierend sein? Jeder Einzelne fragt nach mir, es ist ja ein kontinuierlicher Kontakt, meist Rückruf. Christine Klingl, wer ist das? Atemlos hechtet sie ans Telefon. Leider ist Sonja krank. Vielleicht halte ich am Freitag ein paar Stunden die Stellung? Christine hat frei, ein Segen; sie kann in „unseren Dingen“ ohnehin nichts ausrichten, bringt nur alles durcheinander. Kommt jemand unten zur Türe rein stürzt sie sich schon drauf und geleitet die Leute wichtig nach oben. Die Familie, die sich mir anvertraut hat, dass sie nicht jederzeit angerufen und auch nicht beim Sterben, geschweigedenn hinterher dasein wollen? Hat sie sich heute zur Brust genommen. Da wird richtig draufgeknüppelt ihrerseits. Gestern kam eine Blumenspende: 40 protzige Riesengestecke von einer Hochzeit, es sah aus wie in einer Leichenhalle. Nein, das war ganz toll, der „Geist dieser Hochzeit“ lag darauf. Später war es auf einmal alles zuviel, so übertrieben, was war das überhaupt für eine Hochzeit!? Erfahrungsgemäß beruhigt sich dieses unerträgliche Verhalten ab der zweiten Woche.

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3 Antworten

  1. Beate sagt:

    Oh je, waren die Blumen für Dich? die eben Verheiratete? Was Du von Deiner Arbeit schreibst, das kann ich mir alles gar nicht vorstellen, ich, die ich in meiner Wohnung sitze, Listen schreibe, in der Pause ein Drehbuch für den Job im Jüdischen Museum, ein bißchen was zwischendurch esse und eine Runde über den Bolzplatz am Ackermannbogen drehe.
    Flexibel sein heisst für mich, reagieren können, wenn von außen etwas an mich herangetragen wird. Dann entscheide ich, ob ich „dabei“ bin oder eben auch nicht.

  2. Ines sagt:

    Das neue Wort für die Zeit für sich heißt: Me-Time. Für die Seele so notwenig. Ich kann es gut nachvollziehen, wie sehr du diese stillen Zeiten brauchst. Diese Christine scheint überhaupt nicht zu merken, dass sie ständig reingrätscht, das wirkt auf mich sehr unsensibel. Ja und die 40 Blumengestecke im Hospiz lassen einen wirklich an Beerdigungen denken.

    • Heike sagt:

      Oh Gott, wenn ich me-time höre realisiere ich, dass das nichts ist, was nur ich will und brauche und dass es bedeutet, dass ich ganz im Trend liege und das ein Teil der Selbstoptimierung ist. Da will ich es gleich nicht mehr brauchen…

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