Das letzte Geleit

Vor einer Woche habe ich das letzte Mal in den Blog geschrieben. Erst jetzt komme ich wieder dazu. Wo fange ich an? Heike schrieb, das letzte Geleit beginnt in dem Moment, in dem wir uns auf den Weg machen. So habe ich es dann auch empfunden. Am Donnertag fuhren wir wegen Bernd, dem Verlobten von Maja, erst gegen 14 Uhr los und fuhren dann bald in die Dunkelheit hinein. Die Autobahn brechend voll mit LKWs und wegen einer Fliegerbombe bei Fulda wurde sogar ein Stück der Autobahn gesperrt und wir mussten uns über die Landstraße stauen. So kam mir die Reise unwahrscheinlich lang vor, bot aber auch Zeit zum Nachdenken und Stillsein. Gegen 21 Uhr trafen wir im Hotel ein und nach einer kleinen Mahlzeit im Hotelrestaurant gleich ins Bett gefallen. Am Morgen des nächsten Tages, dem Tag der Beerdigung, überraschte uns ein strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, ein gutes  Zeichen, wir mir schien. Auf dem Friedhofsparkplatz traf ich auf meinen Sohn, der mit dem Zug angereist war und bei meinem Bruder geschlafen hatte. Er sah so anders aus, hatte seinen Style verändert, jetzt mit Schnautzbart und Seitenscheitel. Das hatte mich befremdet, aber irgendwie passte es auch zu ihm. Vor der Kapelle sammelten sich nach und nach die Trauergäste. Entgegen der Vornahme, keine Hände zu schütteln, fand es dann doch sehr viel statt, hauptsächlich mit den engsten Verwandten. In der Kapelle war der Sarg aufgebahrt und davor die schönen Blumenkränze und -gestecke. Auf einer Staffelei stand ein Foto von meiner Mutter. Von dem aus schaute sie uns direkt an. Ich saß in der ersten Reihe, links von mir Hubert, rechts Jaron und Maja. Die Kapelle war rappelvoll und draußen standen auch noch Menschen. Gezählt hab ich nicht, aber es waren sicher über 100 Menschen gekommen, Abschied zu nehmen. Der Pastor, den ich vorher nicht kannte, hat sehr persönlich geredet, hat das Leben meiner Mutter skizziert und ihre Besonderheiten in den Vordergrund gestellt. Ihr Lachen, das die Leute immer schon gehört haben, bevor sie sie gesehen haben, ihre positive, optimistische Art auf das Leben zu schauen, ihre Stellung in der Familie als Schaltstelle, über die alle Informationen liefen. Ich habe jedes Wort aufgesaugt und war sehr gefasst. Beide Kinder neben mir haben sehr geweint, was mich dann natürlich auch zum Weinen gebracht hat. Wir durften 3 Lieder singen (dafür die Maske aufsetzen), wurden begleitet von dem Posaunenchor meines Neffen und einem Organisten. Dann der weite Weg zum Grab…Das kennt ihr alle, wie der Sarg in die Erde gelassen wird, und jede/r nochmal ans Grab tritt, Erde und Blütenblätter hineinwirft. Dann die Beileidswünsche von allen Anwesenden, ein nicht endender Strom von Menschen. Mit ungefähr 60 davon ging es dann in einen Saal, in dem Suppe, Semmeln und Kuchen serviert wurden. Ich hab mich bemüht an alle Tische einmal zu gehen und mit den Menschen zu sprechen, die ich auch schon seit meiner Kindheit kenne, enge Freude meiner Eltern, Nachbarn, Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen. Nachdem die Feier vorbei war, sind wir Geschwister und Enkel mit meinem Vater noch mal zum Grab und haben die Kränze bewundert und waren still beisammen. Es wäre schön gewesen, wenn jemand von uns noch etwas gesagt hätte, aber allen war eher danach still zu sein. Am Abend waren wir noch bei meinem Vater im Elternhaus und haben ein Grünkohlgericht gegessen, was er bestellt hatte. Der Abend war dann richtig heiter und geprägt von der Erleichterung, dass alles so wunderbar gepasst hat. Auch fühlte sich mein Vater sichtlich wohl im Kreis seiner Kinder und Enkel. Wenn man die beiden Verlobten von Maja und meiner Nichte dazu zählt, sind wir 14 Personen. Am nächsten Morgen dann Frühstück bei meinem Bruder und zurück nach München zu Fünft im Auto, da Jaron mit uns fuhr. Die Fahrt über regnete es durchgehend und ich war nochmal sehr dankbar, dass für meine Mutter die Sonne geschienen hat. Dankbarkeit und Freude überwiegen im Moment. Die enge Verbundenheit mit meiner Familie, die Freude darüber, dass eine so große Trauerfeier möglich war, trotz Corona, das hätte meiner Mutter gut gefallen. Zwischendurch bin ich traurig, dass sie nicht mehr da ist, ich nicht mehr ihre Stimme hören kann, dann denke ich wieder, sie ist befreit von ihrem Körper, der ihr nicht mehr gehorcht hat und von dem Leid, das sie so tapfer getragen hat.

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3 Kommentare

  1. Renate sagt:

    Die Schilderung der Beerdigung deiner Mutter ist so schön. Die persönliche Rede des Pastor, die vielen Trauergäste, Kränze und der Chor. Das Foto deiner Mutter ist vielleicht das gleiche, dass du uns auf Whatsapp geschickt hast? Danke dafür, dieses Lachen, fröhlich und ansteckend.

  2. Heike sagt:

    Deine Mutter hat diesen wunderschönen Novemberhimmel mitbekommen! Dass man ihr Lachen hört, bevor sie auftaucht, wie schön! Michael sagte, ihr hättet „alle“ dasgleiche Lachen, leider erinnert er sich daran nicht. Den Klang der Stimme zu verlieren, kenne ich auch als Angst, als Leid. Aber innerlich sind mir die Stimmen nie verloren gegangen. Ich finde so schön: sie war der Mittelpunkt der Familie.- Jaron taucht auf wie Tadzio im Tod in Venedig.

  3. Beate sagt:

    dass deine Mutter zeitlebens ein so fröhlicher und positiver Mensch war, hat sicher viel dazu beigetragen, dass so viele Leute kamen, um von ihr Abschied zu nehmen. Die Fesseln, die ihr der kranke Körper angelegt hat, sind abgefallen, das ist auch tröstlich.Und wie schön ist es, zu lesen, dass Dein Vater sich im Kreis der großen Familie wohl gefühlt hat und in seinem Schmerz aufgefangen wurde.

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