21-11-26-CoTaBu- Was obenauf liegt, leise rieselnder Schnee + Sternstunden
Heute brauche ich doppelten Raum und nehme ihn hier, wohlweislich dass ich diese ausufernde Leseanforderung nicht an euch stellen kann. Obenauf liegt das Ergebnis von Renates PCR-Test und betrifft uns, da wir umeinander mehr wissen, als wir uns vor eineinhalb Jahren hätten träumen lassen und wir einen gemeinsamen Sonntag vorhaben. Das rückt nahe. Wenn Renate, geboostert, ohne soziale Ausschweifungen jetzt krank ist, was sagt uns das? – Vor mir liegt der Freitag mit der gewohnten Mischung aus Verpflichtung und Freisein. Mich stresst die Möglichkeit, dass noch jemand morgen das vorweihnachtliche Schreiben absagen könnte. Dann müsste ich es ganz streichen. Ein wunderbarer Teilnehmer beerdigt morgen einen guten Freund. Auch hatte ich mich sehr gefreut, dass Renate von der Partie ist. Birgitta muss ihren Sohn auf Durchreise befrühstücken. Angelika hat abgesagt, darüber bin ich froh – ich kann sie nicht ausstehen. Da waren`s nur noch vier. Das macht einen gewaltigen Unterschied zum Ablauf des heutigen Tages. Vorbereiten muss ich immer, egal ob es viele oder wenige sind, und mit Wenigen muss ich es anders machen. Merkwürdig, wie sich mir Schritt für Schritt zeigt, dass es gut ist, wenn ich im nächsten Jahr „abgebe“. – Als ich 2004 ins Hospiz ging war eine der Annahmen von Theoretikern, die noch nie mit Sterbenden zu tun hatten – dass ich dort Menschen bei der „Lebensbilanz“ begleiten, gar unterstützen werde. Wie sehr sich das als Schlagwort, als Hülse herausstellen sollte! Wie wenig Vielen danach ist! Wieviele die wenige Zeit totschlagen, das wussten weder diese Idealisten noch ich. Mit einigen Menschen, oft mit Angehörigen, geht es tatsächlich in die Tiefe. Gerade bekomme ich wieder so ein Geschenk in den Schoß gelegt. Anlässlich der furchtbaren Ambivalenzen, mit denen eine Patienten die Pflegenden zum Wahnsinn treibt, alles ablehnt, die abstrusesten Gewohnheiten aufrecht erhält, kein Hilfsangebot annehmen kann, und alle aushalten müssen, wie sie nach und nach vor sich hin (ver-)blutet, wogegen kein Kraut gewachsen ist, wohl aber gegen Wunden, Schmerzen usw., war ich vor ca. zwei Wochen bei ihr. Sie wollte/sollte noch einmal zurück auf die Palliativstation (zur Neujustierung und für allerlei Konsile), hat dann doch einen Rückzieher gemacht. Das Gespräch wurde eine Sternstunde, der Auftakt für etwas Wunderbares. Hinterher flog mich zwar das schäbige Gefühl an, dass solch narzisstisches Futter ab 2022 Vergangenheit sein wird. Aber ich war wie beseelt. Was hatte ich über diese Frau alles Ärgerliches gehört! Wie ich es verstünde, wie ich ausspräche, was sie vor sich so nicht habe ausdrücken können. Diese Woche war ich wieder bei ihr und wollte wissen, wie es sich daraufhin entwickelt habe. Alles sei jetzt besser. Die Bedrängnis ständiger Verbesserungs- und Hilfsvorschläge sei abgeebbt. Man lasse sie jetzt in Ruhe. Ich hatte in der Übergabe lediglich gesagt, sie sehne sich eher nach Anerkennung ihres Leides und wünsche sehr wohl Hilfe, nicht aber allem gegenüber AB-Hilfe. In diesem Fall war Christines Präsenz hilfreich, den sie nickte verständnisvoll. Ein winziger Tropfen in einem Ozean. Jetzt ist die Bahn frei für „wirkliche“ Themen (nicht „nur“ Blut, künstliche Zu- und Ausgänge, Intimpflege, Schmerzmittel und deren verheerenden Nebenwirkungen) und die Patientin schreitet mit mir das Firnament ihres Lebens ab. Es geht um Familiengeschichten (auch meine, merkwürdiger Weise, denn sie stellt mir Fragen), die Bedeutung der Kartoffel auf den Gütern der Eltern, die unterschiedliche Bewertung der Erziehungsstile ihrer Eltern unter den Geschwistern; dann wieder rezitiert sie mir ein Gedicht und weiß nicht, warum sie darüber in Tränen ausbricht, was wiederum die Tür zu literarischen Betrachtungen führt. Wir werfen uns die Bälle zu. Inzwischen sind wir auch beim Gebet. Ohnehin darf man sie eine Stunde täglich nicht stören, da ist Lichtmeditation! Gestern las ich ihr, zum Auftakt für ihren heutigen Geburtstag, „meinen“ Psalm 139 in der einzig „wahren“ Version vor. Sie schloss die Augen. Dann sagt diese alte, ehrwürdige, vornehme, gepflegte, edle, wunderschöne, großartige Frau zu mir: So eine Mutter wie Sie habe ich mir immer gewünscht. – Während ich das schreibe, rieselt der Schnee draußen nicht nur leise, sondern fällt in dicken Flocken, die Dächer ringsum sind schon weiß.
Oh das rührt mich ja zu Tränen, was du von deiner Begleitung der Patientin schreibst. Wie schön, dass du das mit ihr erleben kannst und sie natürlich mit dir. Das ist wirklich für beide ein Geschenk.
Hoffentlich kommt dein Schreiben morgen zustande. Ob unser Schreiben am Sonntag wirklich stattfindet, glaube ich erst, wenn wir zu Viert bei dir sitzen. Sicher leider ohne Renate.
Danke, dass du`s gelesen hast und für die Tränen, die auch mir in die Augen geschossen sind! Ja, ich warte auch schon, wann Anna meldet, dass sie negativ ist.
ich bin sehr berührt – es ist mehr, viel mehr. Das also ist doch die Essenz Deines berufen-Seins, wie schön, dass Du ihr so nah, so verbunden bist. Und dass Du uns davon erzählen kannst. Ich bin ja seit jeher davon überzeugt, dass nicht nur der letzte Gang, sondern auch die Zeit davor ein Raum unendlicher Einsamkeit ist. Vielleicht muss das gar nicht so sein, ein das, was Du schreibst, zeugt von Berührung, echtem Beistand, dem Gegenteil
Das macht für mich deine Arbeit mit den PatientInnen so wertvoll, dein zuhören, dein mitgehen, deine Fähigkeit Bälle aufzufangen, vom Gedicht zum Gebet zu kommen, ein Geschenk diese Gabe. Das diese Patientin sich eine Mutter wie dich gewünscht hat, ist sehr berührend.