21-12-08-CoTaBu-Vereidigung, ein geistiger Höhenflug + Demoplakat
Heute berichtete Gregor uns fortlaufend aus Berlin. Als die „Übergabe“ war rannte Sonja im Laufschritt Richtung „Teststation“ (umfunktioniertes Angehörigenzimmer); als mir dämmerte, worum es ging, ich hinterher. Sie auf dem Korbstuhl, ich neben Gregor auf der Bettkante. Sonja und ich klatschend, ich tränenwischend, alle traulich vor der Glotze. Das letzte Mal habe ich 1981 während der Arbeitszeit im Gyn-OP ferngesehen, als Prinz Charles Diana zum Traualtar führte. Wie Merkel am Ende fröhlich, armeschlenkernd und unbeschwert den Saal verließ! Wie kann man so wenig Wesens von sich machen? Gregor meint, das sei in der DDR so gewesen – im Osten nehme er das immer noch so wahr. – Als heute zwei unserer jungen Schwestern unseren Lehrer durchs Haus schoben, der 1:1 Betreuung braucht; den auch seine Klingelmatte nicht davor bewahrt, aus dem Bett zu fallen oder aus dem Rollstuhl zu stürzen; der den ganzen Tag textet und unstoppbar predigt, alles aufgrund seines Hirntumors, habe ich ihn mal eine Zeit übernommen. Ich „wusste“ von den anderen, wie verwirrt er ist. Dass ich nachher eine solch exquisite Unterhaltung über Kunst, Wien, Bustelli, den Nymphenburger Porzellanmodellierer, den Buddha, der auf dem Tisch in der Loggia stand führen würde…wer hätte das gedacht. Der Mann geht regelrecht auf das ein, was ich sage: Genau wie Sie sagen! DAS IST DER PUNKT! Nicht als Phrase, sondern mit relevanten Ausführungen. Sein Sohn hatte sich für 12:00 angemeldet und kam um 16:00, wahrscheinlich, weil jeder denkt, der checkt es nicht mehr. Wegen des Sohnes konnte ich nicht mit ihm nach draußen. Er hätte so gern mit mir den Buddha „in der Landschaft platziert“! Eine Sternstunde, zwar mit Irrungen, Wirrungen und abstrusen Abzweigungen, aber je konkreter ich versucht habe, aufzugreifen, wovon er sprach, umso klarer wurden seine geistigen Schauplätze. – „Seine“ Pflegende hatte in der Küche ihr Demoplakat für später deponiert: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ (Brecht).
Oh ja, das war heute wichtig: Wir haben einen neuen Kanzler! Heute abendfüllend streamen…
Die Unterhaltung mit dem Lehrer ist köstlich. Wahrscheinlich hat niemand sonst die Geduld, seinen Ausführungen zu folgen. So viel Wissen in einem Gehirn, das nicht mehr die Ordnung in den Gedanken halten kann.
Mir ist das Verhalten der Kanzlerin nicht fremd. Meine Abschiede sind nicht vergleichbar mit dem Abschied der Kanzlerin, doch ich ticke wie sie. Lange überlegt, geplant, den Schmerz zugelassen und dann ist es auch gut und fühlt sich richtig an.