21-12-25-CoTaBu-Weihnacht profan: familiäres Erbe + Zerreißprobe
Unser Weihnachten war recht profan. Statt Zoom kam ein Videoanruf von Jakob, Anna und deren Mutter; ich aber checkte als Neuling kaum, wie`s geht. Als ich später Michael aus Briefen von Else Lasker-Schüler an Herwarth vorlas verglich er mich mit ihr, die ihm zu verrückt und „aufdringlich“ ist. Das ist sie, aber für mich auf unverwechselbare, amüsante und expressionistische Weise. Ich legte wie ein aufgescheuchtes Huhn die falsche CD auf, las aus dem Lukasevangelium, (Anna hatte keine polnische Bibel), begleitete am verstimmten Klavier unseren gemeinsamen Katzengesang „Stille Nacht“ mit ein paar Akkorden…fand es sehr schön. Der Tisch bog sich bei Anna und wir zeigten uns gegenseitig unsere Stuben. Jetzt ist es mir doch gelungen, Zoom zu reaktivieren, vielleicht können wir heute nochmal. Mit Michael gab es lecker Ente, Knödel und Blaukraut, aber keinen Rahmen, so ist das…ich denke mit Schrecken an unsere Hochzeit. Ihm ist alles zuviel, und mir ist es fad und sinnlos ohne. Er ist wahrhaftig nicht geistlos, aber auf allzu zurückhaltende Weise spirituell, mag Weihnachten nicht und scheut diese ritualisierten Einlagen von mir, die mir dann fehlen. Ich kenne ihn ja – von SEINER Mutter geprägt mehr ihr Sohn als er glaubt. Um sie hat er heute schon geweint. Es macht ihn kaputt, wenn sie einhängt, weil sie glaubt, er und sein Bruder, der jahrelang nicht aufgetaucht ist, stünden schon vor der Tür, um sie abzuholen…nach Sensburg wahrscheinlich. Jetzt gondelt er mit ihr durch die Gegend, will ihr das alte Zuhause in Unterhaching zeigen und wird doch das unweigerliche Ende nicht vermeiden. Sie wird beim Zurückkommen sagen: „Hier lässt du mich alleine? Nein, hier bleibe ich nicht.“ – Ich bin nicht richtig krank. Die Nase läuft minimal, hie und da ein Hüsterchen, nur dieser Schwindel. Highlights gestern waren die kontinuierlichen Whatsapps aus der Hospizgruppe mit Musik, schönen Bildern und Grüßen.
Das ist eine eigenartige Krankheit, die dich ausgerechnet an Weihnachten heimgesucht hat. Aber schon im gestrigen Beitrag hatte ich das Gefühl, dass du nicht sehr unglücklich darüber bist. Durch Videoanruf hattet ihr dann einen kleinen Ersatz für den ausgefallenen Besuch in Rotterdam. Wollt ihr noch mal heiraten? Oder wieso denkst du mit Schrecken an eure Hochzeit?
Weil das auch nur das Gerippe einer Hochzeit war….das einzige Gedicht von mir selber, nichtmal das Sträußchen haben wir hingekriegt, es war sehr …rudimentär und nein, um Himmels Willen nicht nochmal. Ich finde es schon schade wegen Rotterdam, aber unglücklich ist zuviel gesagt.
Ich kann mit Michaels Einstellung viel anfangen. Zoom Weihnachten als Ersatz für ein gemütliches Beisammensein. Für dich, als Kranke, eine gute Alternative.
So habt Ihr Euch gegenseitig Euere „location“ gezeigt und miteinander gesprochen! Gerippe einer Hochzeit, das klingt nach Magerem, auch nach Defizit. Und doch war es ein großer Schritt, nur im Zusammenhang mit Euer beider Lebensgeschichten verstehbar, auch durch das Zusammenwachsen im tragischen Schicksalsschlag gebotenes „Weiter und Her mit dem gemeinsamen Leben!“ Es lag eine stille, stimmige Fülle in dieser Hoch- Zeit. Danke, dass ich dabei sein durfte!