22-01-25-CoTaBu-Heidelberger Amok, Betreuungselend, Kiosk + Erinnerung

Eine abendliche Zoomkonferenz ist verschoben auf nächste Woche. Die Psychiaterin aus Heidelberg mailte, sie hätten wegen des Amoklaufs gestern in ihrer Uni viele Krisengespräche, während sie versuchten, sich selber zu stabilieren. – Im Hospiz zum zweitenmal mit einer Frau vom Betreuungs-gericht zusammengerückt, die die Betreuung nur abwimmelt. Gestern hat der Lebensgefährte der betreffenden Patientin, der wirklich NICHTS zustande bringt, nach einem Anruf dieser Dame noch zweimal bei mir angerufen, vollkommen derangiert, außer sich. Ich verstehe ihn. Vielleicht bekommen wir´s ohne Betreuung hin? Entwürdigend und indiskret die Befragung. Morgen vormittag kommt er nochmal zu mir. – Auf dem Heimweg habe ich vorm Kiosk am Romanplatz das Kerzenmeer gesehen. Michael sagte, er habe vor Jahren einmal bei diesem Mann Zigaretten gekauft. Da habe er gesagt, „sie“ wollten ihm „auch“ kein Lotto-Toto geben. Vielleicht eine anhaltend schwelende Bitterkeit? Michael sagte, so ein Kisok könne ein richtiger Stadtteilmittelpunkt sein. Ich weiß noch, wie traurig er war, als von einem Jahr aufs andere in Istanbul diese allenfalls 1qm großen Kabuffe verschwanden, in denen einer saß und Fahrkarten verkaufte. Damals sagte er: Und jeder hat damit ein Auskommen. Ein Mittelpunkt und für den Einzelnen eine Existenz. Es gibt Städte mit mehr Bewusstsein für Kioskkultur. Eine Tragödie. – Abends WIEDER Salat gegessen. Eigentlich schmeckt der sogar. Einmal hat Ines sowas bei mir gegessen in männerfreier Zeit. Beim Pressen meines Orangensaftes fiel mir plötzlich meine Mutter ein. Als ich vorm Abitur vier Wochen mit Nierenbeckenentzündung lag (nachdem ich mich in Ingos WG in einer „turbulenten“ Nacht schwerstens verkühlt hatte) und nur so dahinschwand, kam sie jeden Morgen mit diesen fingerhutkleinen chinesischen Tässchen: In einem war frischer Orangensaft, in einem eine Quarkspeise. Das betete sie in mich hinein.

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3 Kommentare

  1. Renate sagt:

    Dieser kleine Kiosk war seine Existenz und er fühlte sich im Viertel anerkannt und beliebt. Was sonst noch hinter seinem Freitod steht weiß ich nicht. Salat am Abend ist nach der ayurvedischen Lehre nicht gut, da durch das Kalte das Verdaungsfeuer ewig braucht um anzuspringen. Hat mir Gabi mal gesagt und ich habe es mir gemerkt.

  2. Ines sagt:

    Orangensaft und Quark als Heilmittel. Wahrscheinlich hat es geholfen und dich und dein Abi gerettet. Ich kann mich leider nicht an den Salat in der männerfreien Zeit erinnern, habe aber immer sehr gut bei dir gegessen. Salat am Abend esse ich auch, obwohl davon abgeraten wird. Es sollten noch ein paar Stunden bis zum Schlafen vergehen, sonst bleibt das Zeug unverdaut im Magen.

  3. Beate sagt:

    Das Schicksal vom Kioskbesitzer ist wirklich sehr traurig. Ich erinnere mich auch noch an den „alten“ Romanplatz. Wenn das Neue, (Perfektere??) kommt, muss oft lange Jahre Liebgewordenes weichen. Das Abi. Kann mich leider nicht daran erinnern, dass Du vorher krank warst. Inzwischen schreiben ja Einige (aus Schweden Burgi…der Prellus, der schon die Rente geniest): Klassentreffen, 45 Jahre ist es her.in diesem Sommer soll es wieder anstehen.

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