Durchforsten und Chaos-Schubladen
Und wieder sitze ich im Zug, dieses Mal auf dem Heimweg nach München. Nach drei Tagen Bielefeld bin ich jedes Mal froh, diesen Ort wieder zu verlassen, obwohl der Aufenthalt wieder gut war. Am Freitag und Samstag haben meine Schwester und ich alle Anziehsachen, Schuhe, Tücher, Taschen und Schmuck meiner Mutter durchgeforstet und jeweils entschieden, was damit geschehen soll. Einen Teil der Kleidung bekommt die Putzfrau meines Vaters, die ganz scharf drauf ist, einen Teil bekommt sie sog. Brockensammung in Bethel, die die Sachen verkaufen, und der Rest wandert in Altkleider oder Müll. Wenige Stücke behalten wir. Meine Schwester, die ja viel näher dran ist und die letzten Jahre die Wäsche für beide Eltern gemacht hat, wusste zu vielen Dingen was zu erzählen. Ich war erstaunt, dass meine Mutter in ihren Schubladen ein ziemliches Chaos hinterlassen hat und keinerlei Ordnung für mich zu erkennen war. Schmuck, Fotos, Socken, Masken, Knöpfe, Taschentücher und lauter Krimskrams lag alles durcheinander. Ich hätte sie ordentlicher eingeschätzt, kenne die Unordnung in Schubladen aber auch von mir sehr gut. Nachmittags waren Petra und ich spazieren und haben unter anderem über unseren Vater gesprochen. Sie sieht seine vielen Reisen und den Kontakt zu Marianne etwas kritischer als ich, denkt, er realisiert nicht, dass er mit Vielem überfordert ist. Ich merke auch, dass er sehr langsam mit allem ist und ihm die Worte oft nicht einfallen, aber irgendwie hat er nichts zu verlieren und soll von mir aus jetzt noch mal mutig sein. Er war jedenfalls sehr froh, dass wir ihm diese Arbeit des Aussortierens abgenommen haben. Er hat aber noch viel zu tun mit den ganzen Durcheinander-Schubladen, die wir nach der Sichtung wieder geschlossen haben. Am Abend waren wir zu Acht mit Geschwistern und Familie essen und haben danach noch bei ihm im Wohnzimmer zusammen gesessen. Heute bin ich dann, wie jeden Morgen, durch die kalte, aber sonnige Luft zum Bäcker spaziert und nach einem langen Frühstück mit Vater gepackt und zum Zug gefahren. 🚆
In der Trauer erfahren Menschen für einen Moment lang viel Mitgefühl. Dann legt das Umfeld die vermeintlich eigenen Maßstäbe an, manchmal, ohne Verlusterfahrungen zu kennen. Wer zu lange weint soll „Hilfe holen“; wer nicht weinen kann, auch; wer etwas unternimmt, wird gelobt. Wer sich vergräbt wird ebenso kritisiert wie der, der zuviel unternimmt. Insofern finde ich persönlich schön, dass du deinen Vater lassen kannst. Er DARF auch auf die Nase fallen. Die Schubalden deiner Mutter könnten meine sein. Schubladen erzählen ein Leben. Ich habe mal eine ganze Geschichte lang nur eine einzige meiner Schubladen erzählen lassen.
Du hast eine kleine Schwäche deiner Mutter entdeckt, die auch du hast. Ordentlich bis auf die Schubladen, in die keiner reinschaut. Das sich dein Vater noch einmal aufmacht etwas Neues zu probieren finde ich auch mutig.
Schön, dass du die Bereitschaft deines Vaters für neue Unternehmungen unterstützt! Wann ist der Zeitpunkt gekommen, gute Ordnung zu schaffen, sodass die Nachkommen einen übersichtlichen Nachlass vorfinden?