22-02-21-CoTaBu- Gequälte Psychen und eine Liebeserklärung ans Haiku
Ich muss hier auf Ines‘ Kommentar reagieren. Eine Leidenschaft für Haiku ist nicht zu verstehen. Sie entsteht allenfalls durch jahrelange Beschäftigung. Nichts an diesem mechanischen Silbenzählen ist vergleichbar mit dem, was die berühmten alten Meister durch lebenslange Übung innerhalb dieses Kurzgedichtes verewigt haben; wieviel Melancholie, Naturverbundenheit, welch unvergleichliche Beobachtung und wieviel Humor darin steckt! Ich wachse erst langsam hinein; meine erste Begegnung damit liegt schon ca. 16 Jahre zurück! Eine Monika, 84-jährig, die mich „blutjung“ nannte, praktiziert das seit über 30 Jahren; seit den 80-er-Jahren Jahren Kalligrafie und japanische Tuschzeichnung. Das hat nichts mit schnellem Genuss zu tun, sondern ist eine Form der Versenkung. Ich habe ja schon allerhand Reisetagebücher gelesen, auch „die letzten Tage meines Vaters“ von Issa, dem Bauerndichter; ein unvergleichliches, einzigartiges Tagebuch über das Dahinscheiden mit allen nur denkbaren familiären Hässlichkeiten; prosaisch, aber mit Haiku durchzogen, oft auch mit passenden Tuschzeichnungen. Das teilt nur, wer sich damit beschäftigt. Wie Sehenlernen durch Zeichnen oder den Körper spüren und beherrschen durch Bewegung. Inzwischen lese, genieße ich das ganz anders. Die Diskussionen würde ich gerne missen, aber sie gehören wohl dazu. – Im Hospiz sind unsere Gespräche sehr belastend, über die ich mich hier nicht auslassen kann. Wir drei im Erdgeschoss sind nunmal aufeinander bezogen. Es ist schwer, Maß zu halten, den Einbezug in schwere Probleme betreffend. Es geht nicht „ein bisschen“. Früher hatte ich Tage voller Termine, das hat dem Ganzen Einhalt geboten. Renate und ich hatten auch eine andere Gemütslage. Jetzt ist man an ruhigen Tagen oft ungestört, dabei aber doch auf dem Präsentierteller. Es ist schwer, Empathie zu zeigen und gleichzeitig Grenzen zu ziehen. – Heute kam die Fußpflege und erkannte in einem Patienten den ehemaligen Kinderarzt ihrer Kinder.
Den Weg dieser traditionellen, japanischen Gedichtform zu gehen ist, wie du es beschreibst ein lebenslanger Weg, auf den du dich einlassen musst. Einleuchtend ist für mich die lange Zeit, die sich manche Menschen damit beschäftigen. Das Haiku aus einer komplett anderen Kultur im Ansatz erstmal zu verstehen dauert wahrscheinlich schon Jahre. Deine Beschreibung oben gefällt mir so gut. Deine Andeutungen, das Hospiz betreffend, klingen wenig erfüllend.
Vor 16 Jahren hast du mir von dieser Frau erzählt, die dich mit der Kunst des Haiku Schreibens bekannt gemacht hat. Der Vergleich mit Zeichnen und Bewegung ist interessant. Was du übers Hospiz schreibst, ist zu abstrakt als dass ich es verstehen könnte.
Diese Frau war doch meine Tante, die Lollo!