22-03-26-CoTaBu-Hauchdünn positiv, Friedhofsbesuch + Mehrbettzimmer
Gestern habe ich etwas Gesetzeswidriges getan mit entsprechenden Schuldgefühlen. Ich wollte Vögel singen hören, Blühen spüren, Frühlingsluft atmen. Nachmittags mit dem Fahrrad zum Friedhof geschlottert; froh, dass mich niemand sah, nicht nur wegen Quarantäne…sehe noch wüst aus. Kerzlein angezündet, Vögelein gehört; an Lollos Grab festgestellt, dass die Laterne geklaut und gegen ein windiges „Ersatzteil“ ausgetauscht wurde. Hab mir erlaubt, Oma Renates Körbchen zu entsorgen, und – wieder schlechtes Gewissen – den neuesten potthässlichen Betonengel – noch abartiger als der, den ich immer wieder unter Grünzeug verschwinden lasse. Würde ich nicht regelmäßig solche Freveltaten vollbringen, das Grab wäre übersäht mit Betonherzen, abgedroschenen Sprüchen und ebensolchen Engeln. Ein Meer an Blümchen, jetzt Szilla. Hier passiert gar nichts. Der hauchdünne Strich – wie ich lese – bedeutet ebenso positiv wie ein dicker. Aber morgen ist alles anders. Hab den enttäuschenden John Lennon, der arrogante Selbstdarstellung betreibt, zum Wiederverkauf bei Booklooker eingestellt. Svetlana Alexijewitsch hervorgekramt: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Als Ukrainerin ist sie immer aktuell, auch wenn das Buch alt ist. Kann aber nicht mehr als zwei, drei Seiten lesen. Hänge herum. Auch Michi kommt nicht mehr, weil er sich auf den letzten Metern nicht nochmal was einfangen will. Für ihn war – mit Begründung Heike hat Corona – Mutterpause. Wie ein Urlaub, sagt er. Ich bin nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund. Alles, was ich erledigen könnte, wäre digital; all das funktioniert nicht. Unsere Corona-Whatsapp-Gruppe war das Beste, was mir in dieser Zeit passieren konnte. Einige leiden lieber still vor sich hin, wie Conny schreibt. Aber für uns Vier ist es regelrecht therapeutisch. Immer ist eine optimistisch, fällt dann auf die Nase, hat die eine was, was die andere gerade hinter sich glaubt und am nächsten Tag wieder spürt – Aufmunterung, köstliche Bilder, mit allen Vorzügen eines Mehrbettzimmers ohne dessen Nachteile.
Betonherzen, so lustig, wie das klingt, sind günstig zu kaufen. Potthässlich, aber Oma Renate gefallen sie anscheinend. Dass der Strich egal ob dick oder dünn nichts über die Menge an Viren aussagt, hat mir Herr Linnemann auch gesagt. Ein Segen eure Coronagruppe.
Bei Michael war es kurz vor der Freitestung so, dass der Strich von Tag zu Tag dünner wurde. Egal, was Herr Linnemann sagt oder was ich gegoogelt habe sagt mir meine Logik, dass was dran sein könnte. Und v.a., dass es ja auch keiner besser weiß als der andere. Wenn ich sehe, wie wir die Regeln im Hospiz handhaben…es ist ja immer ein Stück Gutdünken und Willkür dabei. Halt mir bloß die Daumen, dass ich nicht ganz verkehrt liege mit meinem „Gefühl“.
Das Mehrbettzimmer ist ein treffender Verleich. Dafür ist WhatsApp unschlagbar. Dein heimlicher Ausflug zu Friedhof ist verzeihlich, du hast dich ja von lebenden Menschen ferngehalten. Das doofe bei den Betonengeln und -Herzen ist, dass sie nicht verblühen. Wahrscheinlich denkt Oma Renate, dass jemand diese Sachen gestohlen hat, die du entsorgst und kauft dann immer wieder neue Scheußlichkeiten.
Oma Renates Geschmack ist nicht der Deine. Schwer, da Toleranz aufzubringen! ich erinnere mich an den bitterbösen Blick von Hanjo, als eine Freundin so eine Betongeschmacklosigkeit anschleppte und mit bedeutungsvollem Blick in die Mitte des Grabes von Renate legte…