22-04-06-CoTaBu-Über fehlende Empathie, Anni + Wilhelm Meister
Ich muss richtig stellen: Aetas hat den Anspruch, Menschen einen Raum zu bieten, die etwas für sich tun wollen. Ich muss niemanden in die Schreibgruppe aufnehmen, mir wird niemand „geschickt“. Es gibt genug Frauen, deren Teilnahme ich abbiege oder sie verabschiede. Die eine, die Impulse mitnotierte, um Futter für eigene historische Erinnerungsgruppen zu hamstern. Eine andere, die sich selbst textlich so extrem abwertete, dass ALLE darunter litten. Ich kläre bestimmte Einstellungen normalerweise durch ein telefonisches Vorgespräch. Diejenige, die nicht mitschwingt, ist weder primitiv noch seelenlos, eher schlicht. Murmelt ihre selbstbezogenen Kommentare, beharrt dann gerne. Sie ist eine um ein gutes Leben bemühte Frau, ehemals Angehörige im Hospiz. Hat von einem Unfall Einschränkungen, sicher auch in der Inselrinde (?), dem Sitz des Empathiefähigkeit. Das genau ist ja das größte Problem in einer Gruppe und betrifft die Vorgenannten ebenso! – „Privat“: Michael bakam vonseiten der Ärzte und des Marienstifts die Ansage, er MÜSSE sich zurücknehmen. Jeder sieht, dass er durchdreht. Jetzt bekommt er ungebeten einen Anruf eines ihm unvertrauten Pflegedienstleiters (normal tritt gleich die „Chefin“ des Hauses auf den Plan, die ihm unverschämterweise kürzlich riet, er solle auf Reha gehen, ob nicht seine Frau mal übernehmen könne?!), der wieder alles in Frage stellt: Anni habe weiter Schmerzen (mit Fentanyl-Pflaster, mit 10 x Novamin) und überhaupt, die Nieren würden Schaden nehmen. Wo er das doch vereinbarungsgemäß dem Hausarzt, der Psychiaterin und den Pflegenden überlassen sollte! Es hatte sich eingependelt, dass er „nur“ noch zweimal täglich hinging. Anrufen geht nicht mehr. Jetzt wieder ein Aufreger! – Was Schönes von einem gestrigen Telefonat. Eine Schauspielerin (Monika Manz) würde gern im Hospiz vorlesen. Ich sagte ihr, wie es mit diesen Bedürfnissen bei unseren PatientInnen aussieht. Aber: Wenn ich eines Tages mal daläge, dann solle sie kommen und mir – ich sage spontan: Wilhelm Meister vorlesen. Genau daraus habe sie jahrelang im „Modernen Theater“ allsonntäglich vorgelesen! Welch herrliches Gespräch hat sich daraus entsponnen!
Regelmäßig triffst du auf Menschen, mit denen sich über Literatur oder Kunst so wunderbare Gespräche entwickeln. Das muss sehr beglückend sein. Das Heimpersonal scheint nicht gerade viel untereinander zu kommunizieren. Armer Michael.
Das Personal des Marienstifts nimmt sich ganz schön was raus. Mich wundert dass Michael der Kragen nicht platzt. Du könntest gut vorlesen, mit deinen schauspielerischen Fähigkeiten.
Meinst Du die (ich glaube) sieben Bücher des Romans oder die Novelle ? Hab ich im Bücherregal… wenn Du magst, können wir uns draus vorlesen, wenn Du am Sonntag Zeit hast? Oh, wäre das schön!
Ich meine das volle Programm! Hab ja Goethes gesammelte Werke hier, bräuchte also keinen Nachschub. Als Novelle ist mir Wilhelm Meister kein Begriff. Gemeinsam lesen…sehr sehr gern!