Im Schutz der Wohnung, und ambivalente Gefühle
Um 5 Uhr bin ich heute schon erwacht und hab, weil ich nicht mehr schlafen konnte, gleich den Schnelltest gemacht. Er war wieder positiv, aber ich dachte es mir schon und war nicht enttäuscht. Um 7 Uhr habe ich selber die Patienten, die für 9 Uhr einbestellt waren, angerufen und abgesagt. Dann gleich Personalabteilung und Sekretärin informiert und für heute und morgen alles abgeblasen. Damit geht es mir besser, als wenn ich die ganze Zeit denke, vielleicht kann ich ja morgen wieder arbeiten. Heute habe ich die Wohnung wieder für mich alleine, weil Hubert arbeitet. Damit geht es mir viel besser, ich kann mich frei bewegen und muss keine Rücksicht auf Abstand nehmen. Auch bin ich mit besserem Gewissen entweder sehr faul oder auch mal sehr fleißig. Wie schon ewig nicht mehr, in der Früh bereits im Bett ein Buch gelesen, welches mir die Nachbarin vorbei brachte, Daniela Krien heißt die Autorin. Es hat mich so gefesselt, dass ich bis 12 gelesen habe. Geduscht, Wäsche gewaschen, Essen warm gemacht, Küche etwas geputzt, auf der Terrasse gesessen und Podcast gehört, länger mit Maja telefoniert. Da ich noch einen Brief einwerfen musste, bin ich verbotenerweise nach draußen gegangen. Ich hätte gleich ein bisschen an die Isar gehen können, habe mich aber trotz des herrlichen Wetters und der verlockend blühenden Bäume nicht wohl gefühlt und bin wieder heim in den Schutz der Wohnung. Beim Treppensteigen habe ich eine deutliche Erschöpfung gemerkt, entweder die Begleiterscheinung von Corona oder bereits die Folgen der Bewegungsarmut. Die Symptome sind immer dieselben und die Stärke verändert sich nicht, nur meine Psyche geht mal besser und mal schlechter damit um. Heute ist es besser. Ich bin optimistisch, dass ich bis Donnerstag einen negativen Test hab. Einerseits genieße ich die Zeit, die ich gerade im Überfluss habe und möchte gar nicht, dass dieser Zustand so bald aufhört. Andererseits kann ich es kaum erwarten, dass diese Zeit vorbei geht. Eigenartig ambivalent.
Hast du dich nicht wohl gefühlt, weil du etwas Verbotenes getan hast oder weil du doch an Grenzen gestoßen bist? Deine Ambivalenz kann ich – so glaube ich – ein wenig nachfühlen. Und auch das Schutzbedürfnis.