22-06-19-Was ein Tod mit sich bringt: Organisieren + Rauswurf beim Hausarzt +Räumen ohne Ende + Ungeburtstag

In diesen Tagen verlieren wir vollkommen das Zeitgefühl – als seien schon Wochen verstrichen. Ich habe freigenommen. Unser Anker sind EssOrgien. Butterschnitzel mit Bratkartoffeln oder Kaiserschmarrn, Ente mit Knödeln, Blaukraut oder Pizza; Großwirt, Augustiner, Giovanni, Schlossschwaige. Die Beine so schwer, der Rücken, als hingen Bleigewichte in der unteren Wirbelsäule. Immer etwas zu erledigen, dazwischen komatöse Schlafeinheiten. Heutzutage geht man nicht mehr einfach zur Friedhofsverwaltung (bei der Stadt: Plexiglas und Maske) – wir wurden sogar maskiert im Elektroauto über den Friedhof kutschiert; nach Grabkauf Termin für die Beerdigung bekommen, noch während wir dort herumgestiefelt sind Anruf unseres Herrn Fendt von der Bestattung. Man braucht überall Termine und die sind nie sofort. Stundenlange Räum- und Schleppaktionen im Heim; für den Rest – die Möbel – Hausmeister engagiert, der als Nebengewerbe einen Rümpeldienst betreibt. Grab aussuchen. Je näher das rückte, desto weniger war Michael gewillt, sich darum zu kümmern, reagierte in den letzten Wochen auf mein zartes Drängen sehr abwehrend; deshalb musste es jetzt sein. Die schönen Plätze, die in „unserer“ Nähe immer wieder entstanden sind, sind jetzt alle belegt, unter Bäume darf man nicht mehr wegen Naturschutz. So wie Bine „damals“ nicht wollte, dass ich Lollo im Elterngrab beerdige („du wirst sie doch nicht da mit reintun“), so wenig will Michael Anni in ihrer direkten Nachbarschaft, wo nach meiner Auffassung schöne Plätze wären. Jetzt also anderswo, nicht weit weg, aber immerhin nicht in Gießkannennähe. Berge von Dingen entsorgen oder waschen und verschicken. Eine Karte, mit Liebe verfasst und ausgedacht, ist ein wichtiger, aufwühlender Prozess. Von ein paar Zeilen finden wir den Urheber nicht heraus, eine mühsame, bisher erfolglose Recherche (vielleicht von Michael selber?). Wenn ich neben ihm gehe – und wir gehen jetzt all diese Wege miteinander – fällt mir auf, wie oft er umknickt und stolpert. Diesmal er. Wie ich ihn letzte Woche erlebt hatte geht mir genauso nach und nahe wie das, was Anni gelitten hat. – Jetzt ist Sonntag, Geburtstag, es war klar, dass diesmal keine Stimmung für sowas da ist, auch keine Zeit. Nur morgens sind wir gleich um 7:30 zum Schwimmen gewesen und Michael hat ein Geburtstagsfrühstück mitgenommen. Das gefällt mir immer so gut bei anderen. Mit Tischdecke und einem Röschen aus dem Garten. Dann die meiste Zeit des Tages bei ihm herumgeschuftet. Wie wenig er diese Dinge im Griff hat sieht man in der Pension wo man hinschaut. Was ich die Tage dort zustandebringe ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Morgen wieder arbeiten, abends Aetas-Schreibgruppe. Ich weiß gar nicht, wie ich es schaffen soll. – Achso, ganz vergessen, obwohl es voll obenauf liegt: Dr. Schnur hat uns rausgeschmissen. Beim Versuch zu klären, was eigentlich vorgegangen ist wollte er mir weiszumachen, er habe „nichts gewusst“ von Schmerzen, rez. Erbrechen und mir erklärt, dass Anni nichts für so eine Station war (konnte also nichtmal SAPV von einer Palliativstation unterscheiden). Da bin ich ihm krass ins Wort gefallen, hab ihn angeschrien, ob ihm eigentlich klar ist, wo ich seit 18 Jahren arbeite und ob er wohl für möglich hält, dass ich das beurteilen kann und es nicht um den Armbruch und auch nicht um Ruhe ging nach achtwöchigem Verzicht auf Nahrung, sondern dass da eine neue Phase im Spiel war und das Heim sagte, solches Leiden hätten sie noch nie gesehen. Jetzt ist er Vergangenheit. Erst jetzt wissen wir nach Abschlussgespräch im Marienstift, dass Michaels zu-ihm-Halten, Schnurs Beschwerde, dass man sich gefälligst dort nicht in die freie Arztwahl einzumischen habe (dort wurde längst moniert, wie mühsam sich der Kontakt mit ihm gestaltete), dazu geführt hat, dass eine wirklich gute Palliativärztin Anni im Heim übernommen hätte. Das ist echt bitter. Er hat mir zweimal gesagt, dass ihm das alles zuviel wurde, dass er das nicht leisten könne (einziger Hausbesuch im Heim in fünfeinhalb Jahren: vor zehn  Wochen!) und er wohl all die nötigen Anrufe (weil wieder irgendeine Verordnung ungenau und unkorrekt war) für Michaels Spleen gehalten hat. Diese Dinge ebben nicht so schnell ab. Abgesehen davon stehen wir jetzt erstmal ohne Hausarzt da, meine Blutdrucksenker und Schilddrüsenzeugs gehen zu Ende, die Blasenentzündung ist noch nicht perfekt abgeklungen. Gott sei Dank ist Tavor noch in rauen Mengen vorrätig.

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2 Antworten

  1. Ines sagt:

    Ihr habt alles gemacht, was zu tun ist, wenn ein naher Mensch stirbt. Das kostet allein schon viel Kraft. Der Bruch mit dem Hausarzt kommt jetzt noch dazu und hat Folgen. Zu wem kannst du gehen für deine Vorsorgemedikamente? Ich finde es schön, dass ihr wenigstens das Geburtstagspicknick am See gemacht habt. Im Moment braucht Michael dich mehr denn je. Früher war er deine große Stütze, jetzt musst du übernehmen, für einige Zeit.

  2. Renate sagt:

    Das sind wahre Kraftakte, die du beschreibst. Kraftakte sowohl psychisch, als auch physisch. Dr. Schnur wirft euch raus, statt mit euch zu klären und sich für sein unmögliches Verhalten zu entschuldigen. Ich dachte ihr hättet ihm gekündigt. Angenehm, ohne Hetze, war deine Beschreibung deines Geburtstagsfrühstücks zu lesen, sonst bin ich mit dir durch all deine Aufgaben galoppiert.

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