Berlin Blues und Auflösung
Berlin, „Lernort“, mal wieder Berlin . Diesmal war der Termin in der Vertretung ein Graus. Der Referent, Spiegelreferent vom Kultusministerium, brachte mich auf die Palme. Er redete dermaßen hochnäsig daher, vermittelte den Schülern, dass sie in einem besonders erlauchten Haus sind und als Gipfel bläst er raus: Wenn der Ministerpräsident nicht im Adlon schläft, hat er auch hier im Haus eine 2-Zimmer-Wohnung..Die Schüler waren höflich und auch eingeschüchtert, ich hätte sie mir frecher gewünscht. Am nächsten Tag Stasimuseum und Hohenschönhausen, auch.kein Spaß- Event. Ich beauftrage immer gerne Herrn Bradler, mit dem ich als m. E. besten Zeitzeugen dann den Tag gestalte. Er schaut runtergerissen aus wie Gru, der Bösewicht aus den Filmen mit den Minions und stellt mit seinem Berliner Dialekt und Humor ein Urgestein eines Berliners dar. Diesmal habe ich sein Buch gekauft. Als er das sah, hat er mir einen sehr netten „Dank für die jahrelange Zusammenarbeit“ hineingeschrieben. Scheußlich war die Heimfahrt: Weil das Gleis am Hauptbahnhof überfüllt war, bin ich zum Ostkreuz gefahren, dort war niemand, bis eine Frau auf zwei Krücken daher kam und sich unweit von mir auf eine Bank setzte. Dann tauchte ein junger Kerl auf und bettelte mich an, ich sagte „Nein, ich geb dir kein Geld“ und die Frau hub an zu erzählen, dass sie die Typen kenne, sie habe beruflich mit ihnen zu tun, die kommen einfach nicht los von den Drogen, manche hätten schon etliche Therapien hinter sich, in unserem Staat müsse man nicht betteln… dann stand sie auf und sagte leise an meinem Ohr: Arbeit sollen die! Arbeit macht frei! In mir fror alles, ich schüttelte den Kopf und ging ans andere Ende des Bahnsteigs. Mein Zug hielt dann kurz vor Bitterfeld. Kinder waren auf dem Gleis. Eine satte Verspätung von 1 1/2 Std. , ich kam um 0.45h zuhause an. Jetzt habe ich so viel geschrieben, könnte noch erwähnen, dass ich DieEnkelin“ auf der Hin- und Rückfahrt ausgelesen habe und sehr berührt war. Und dass ich heute einen sehr schönen Sonntag hatte. Volkstheater. Saubanden-Matinée. Großartig !
Oh Gott, welche Eindrücke diesmal mit dem Gipfel am Bahnhof – wie furchtbar! Leider sterben Menschen dieser Couleur nicht aus, sie wachsen sogar nach! Ist „Die Enkelin“ das Buch des Zeitzeugen? Ist das Stasimuseum der „Palast der Tränen?“ Dort habe ich mal mit Studienkolleginnen in einem kleinen Kreis geschrieben, dadurch werde ich ihn nie vergessen – der Ort geht unter die Haut.
Die Enkelin ist von Bernhard Schlink und thematisiert u.a. die dunklen Seiten des geteilten Deutschlands. Das Stasimuseum steht auf dem trostlosen Areal der Staatssicherheit, im Gebäude war der Sitz von Erich Mielke, dessen Räume man noch orginalgetreu erhalten hat. Danach zum Stasiknast Hohenschönhausen fahren und Du brauchst nicht mehr als ein Bett mit Decke übern Kopf, am wenigsten diese eine Bahnsteigbegegnung.Das Buch vom Zeitzeugen heißt übrigens: „Ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden!“
Dein Bahnhoferlebnis ist heftig. Diesen Satz zu hören ist doch kaum noch zu ertragen. Verspätung wegen Kindern oder Personen auf den Gleisen, kommt so häufig vor. Nervig!
Die Enkelin lese ich auch gerade. Bin gespannt, ob ich am Ende sehr berührt sein werde. Bis jetzt noch nicht. Die Bahnhofsbegegnung passt zu dem Buch und den Ansichten der völkischen Gemeinschaft, in der die Enkelin aufwächst.