22-12-04-Depressiv am Ende mit der Resilienz, hilfreiche Gespräche und Ringen um heilsame Worte
Diese Woche bin ich – wieder synchron mit Michael – in eine depressive Episode gerutscht. Nach all der anfänglichen Euphorie, Wochen des seelischen Standhaltens gegen „den Fuß“ hat es nach den jüngeren Strapazen nicht mehr gereicht. Von Lesen kann nicht mehr die Rede sein, mir ist, als hätte ich schon im Krankenhaus das Buch nur noch als ewig gültiges Heilmittel und Resilienzgarantie in der Hand gehalten, dort aber bereits 10x denselben Satz gelesen, was sicher auch am Prouststil lag. Mehr und mehr habe ich das Interesse verloren, Aktionen wie das Schreiben vor einer Woche (oder morgen oder nächsten Sonntag) klappen aber und helfen. Am Ende war es ein Herumliegen, an die Wand starren und spüren, wie Weihnachten sich aufbaut in seiner ganzen Sinnlosigkeit und dem Druck, lieben, sich freuen und zusammengehören zu müssen.
Dazu stellte sich immer drängender die Frage, ob es mir guttun würde, über das, was ich – abgesehen von meiner Weihnachtsangst – für den Auslöser halte, zu be-sprechen. Wenn ja mit wem? Wie? Es geht nicht zwischendurch auf Knopfdruck. So hat es sich diese Woche gefügt. Am Mittwoch bei Herrn Diemer. Im Laufe der Stunde kam es „ganz organisch“. Er brachte es wunderbar in Zusammenhang mit meinem Stammhirn. Am Freitag war Margot angekündigt, erstmals seit Simons Tod. Absagen ging nicht, obwohl ich nicht wusste, wie ich es schaffen sollte. Statt Mittagessen und Kaffee ging es bis abends um 22:00 – eine Begegnung höchster Intensität. Es hatte gottlob nicht nur das meine Platz, das ich mit ihr keineswegs vorhatte. Es reißt ja alles auf und bringt körperliche Sensationen mit sich. Vorher schon hatte ich Renate gefragt, ob sie sich, ich mir, wir uns vorstellen könnten, „darüber“ zu sprechen. So hatten wir zwei gestern einen dichten Samstag-Nachmittag miteinander. Ich taste mich – anhand solcher Hilfen – voran, suche nach inneren Sätzen und Worten zu meinem Schutz. Abends – eigentlich zuviel nach diesen Marathons – rief Dodo an, die Letzte, die ich mir in dieser Reihe vorgestellt hätte. Die Letzte? Vielleicht insofern, als ihr Leben so „sauber“ und geordnet ist und es Vieles gibt, was sie gar nicht kennen kann, was ich ihr nicht „zutraue“. Dann aber nahm es, obwohl mein Gesprächsbedarf absolut gedeckt war – Schritt für Schritt auf Umwegen doch noch diese Richtung. Sie ließ nicht locker; wird auf eine große Reise gehen; war wahnsinnig betroffen, dass ich ihr das mit der Klinik nicht gesagt hatte. Es wurde auch das ein Baustein mit gegenseitigen Eröffnungen, echtem Verständnis und Mitgefühl. Das Wichtigste ist ja irgendeine Form der Entsprechung im Leben der anderen – sonst geht das nicht. Hinterher habe ich mich noch mit Kavacur unterstützt. Heute Morgen bin ich zwar nicht gut drauf, auch grantig, weil mich Michael gerade beim Bloggen gestört hat, was ich empfinde wie in einem Ritt, einem Flow abgestoppt zu werden. Aber etwas ist anders. Besser.
Werde ich jetzt sogar backen? Später kommt Michael und wir wollen etwas versuchen, was wir nach Lódz (wie gehen Striche ins L und z?) mitnehmen wollen. Auch das steckt seit Wochen im Vorhaben fest – wir waren wie gelähmt.
Die Restwoche von Laufband, Abrollübungen, Fahrrad und auf-Linie-gehen geprägt, Lymphdrainage, Eis. Eine Orthese gab es für mich nicht im Fachhandel, so habe ich mir selber eine bestellt – die aber passt nicht in den Straßenschuh. Ich könnte theoretisch ohne Krücken laufen, noch etwas humpelnd und hatschend, aber meine Füße, auch der gesunde, Hüfte, Rücken, alles ist verzogen und zerbricht schier vor Schmerzen. Draußen also weiter mit Krücken. Daheim geht`s ohne Hilfsmittel im Hüttenschuh.
Deine Gespräche mit Renate und Dodo haben Dich ein Stück weit aus der Depression geführt? Das kann ich gut verstehen, bin selbst ich doch gerade seit ein paar Tagen im dauernden sich drehenden Karussell der Selbstvorwürfe und Selbstgespräche gefangen. gehe nicht ans Telefon. Die richtigen Gespräche können hier rausführen, wenn es sich so fügt.
Ich hatte mich gar nicht getraut, es zu vorzuschlagen, dass du über das Unaussprechliche mit jemandem reden musst. Dein Unbewusstes hat es wohl gewusst und gleich mehrere Chancen genutzt, mit verschiedenen Menschen darüber zu reden. Ich hab mich öfter gefragt, was es sein kann, was dir seit dem letzten Besuch mit Fabian so zu schaffen macht. Hattest du immer schon eine „Weihnachtsangst“? Das war mir auch neu. Hoffentlich hast du heute zum Backen gefunden. Der Fuß macht Fortschritte, aber jetzt tut scheinbar alles andere weh von der Fehlhaltung, oder? Aber du scheinst gute Behandlungen zu haben. Hoffentlich wird es bald wieder leichter, sowohl körperlich als auch psychisch.