Winterwanderung, herzliche Begrüßung ohne Tiefe und traurige Nachrichten
Hubert hat sich erkältet, nachdem er zweimal mit Arbeitskollegen auf dem Weihnachtsmarkt über Stunden komplett durchgefroren war. Da wir nicht wussten, wie sich die Erkältung entwickelt, sind wir erst Samstag zum Schliersee gefahren, als deutlich wurde, dass es nur ein kleiner Infekt ist. In Schliersee ist richtig Winter. Heute bin ich alleine auf die Schliersbergalm gewandert. Die Kombination aus weißem, unberührtem Schnee, knallblauem Himmel, Sonnenschein und eisig kalter, klarer Luft ist schon gigantisch. Das ist es wohl, was die passionierten Skifahrer so lieben. Ich hab auch Menschen aus der Nachbarschaft getroffen, mit denen wir losen Kontakt haben. Sie haben mich so herzlich begrüßt wie eine alte Bekannte und mich sogar umarmt. Das hat mich irgendwie gefreut, weil die mich sonst nur als die Frau von Hubert kennen und die Kontaktaufnahme bisher ausschließlich über ihn lief. Während der Mann mit dem Schlitten den Berg runter fuhr, bin ich mit der Frau den Berg runter gegangen. Aber wie so oft, musste ich nach der herzlichen Begrüßung feststellen, dass die beiden ausschließlich um sich selber kreisen und sich überhaupt nicht für mich oder uns interessieren. Eine traurige Nachricht kam gestern. Der ältere Mann, mit dem wir vor kurzem beim Essen im Freisinger Hof waren und der so viel in Floskeln geredet hat und den Hubert als Vaterersatz über Jahre hatte, der liegt im Sterben und wir werden ihn wohl nicht mehr lebend sehen. Seine Frau rief uns an und berichtete, dass er nach einem Sturz ins Krankenhaus kam, wo nicht nur der gebrochene Arm operiert wurde, sondern auch ein Checkup erbrachte, dass er einen bösartigen Tumor an der Speiseröhre hat und Metastasen in der Lunge. So wie ich es verstanden habe, ist er schon nicht mehr richtig bei Bewusstsein. Wir hatten ihn und seine Frau zu unserer Hochzeit eingeladen. Sie waren so glücklich über die Einladung und hatten das Hotel schon gebucht. Er sagte, ein historisches Ereignis würde das für ihn. Leider wird er das nun nicht mehr miterleben. Auch meine Schulfreundin, Pidi, die erst vor 2 Jahren ihren Mann geheiratet hat, ist sehr vom Schicksal herausgefordert, nachdem ihr Mann einen Zusammenbruch mit Multisystemversagen hatte, lange im Koma lag und nun nach Monaten im Krankenhaus als schwerer Pflegefall nach Hause kommt, wie ich heute erfahren habe. Auch die beiden hatte ich zur Hochzeit eingeladen. Wenn ich so etwas höre, denke ich immer, dass ich so viel Glück bisher hatte und dieses Glück einfach jeden Tag wertschätzen und genießen möchte, weil es nicht selbstverständlich ist.
Das fängt so schön an mit dieser zauberhaften Wanderung an diesem Traumtag, der herzlichen Begegnung, die dann allerdings abflaut. Dass sich Menschen wirklich für einen interessieren halte ich nicht für die Regel. Die schlimmen Nachrichten sind erschütternd. Ist es eine abgedroschene Phrase zu sagen: Wie schön, dass ihr den alten Herrn noch getroffen habt, dass er noch erfahren hat von eurem Glück? Wie so oft: ein Sturz als Anfang vom Ende. Eine Frau in deinem Alter, die ihrem Mann als Pflegefall nach Hause bekommt – schweres Schicksal für beide.
Das es ein schönes Erlebnis war auf die Schliersbergalm zu gehen, bei diesem traumhaften Wetter, glaube ich. Traurig dagegen die Nachrichten, von Krankheit, Sterben und dem tragischen Fall vom Mann deiner Freundin. Ja, dankbar sein um jeden Tag an dem wir gesund und unversehrt sind.