22-12-25-Weihnachten entflohen und doch voll reingerasselt – alles durch die dunkelgraue Brille
Vielleicht kam es uns entgegen, dass sich alles gegen die weite Fahrt gestellt hat? Oder gerade das Gegenteil? Michael hatte – mehr noch als ich – Angst davor, in die Gesellschaft teilweise unbekannter Menschen tagelang eingeschlossen zu sein. Dennoch kam keine Erleichterung auf. Jakob hat sich entschieden, hier zu bleiben. Ich habe nicht fertig gebracht, ihn zum Fahren zu drängen. Wir würden gern einmal frei sein, un-ge-zwungen, und sei es, um abzustürzen.
Was sich zwischen Michael und mir bzgl. Interpretation von Weihnachten auftut ist förmlich ein Scheidungsgrund. Ich brauche Rahmen, „Inhalt“, während für ihn das heutige Weihnachten eine Farce ist. (Gerade kommt von Jakob ein Bild eines Weihnachtsprogrammes, wie es Annas verstorbener Vater wohl stets aufgelegt hat – sieht aus wie meine fürs Hospiz!). Nur Essen – auch wenn es wie gestern traumhaft ist – ist für mich keine Option. Jakob wollte gerne mehrere Gänge, am liebsten beschaulich zusammen kochen. Michael kam aber erst, als Jakob schon stundenlang eine sehr komlizierte Rote Beete Suppe und Piroggen vorbereitet hatte. Michael weigerte sich dann, mit mir gemeinsam in der Küche zu stehen, er zur Vorbereitung des Fischs, ich für die Nachspeise – die sei zu klein für uns beide.
Unsere Stimmung kann ich abends als „bemüht“ beschreiben, ein Schreibimpuls meinerseits erstickte im Keim. Gespräch fand statt, es fehlte aber ein erlösendes Gegengewicht zu unserer eigenen Schwere. Hinterher haben wir gesagt, wir müssten uns nächstes Mal vielleicht voneinander separieren. In Lodz ist jetzt schon die Rede vom nächsten Mal. Anna schreibt, sie seien „heartbroken“. Schön war es, Berge von „richtiger“ Post zu bekommen, auch von Ex-KollegInnen. Gregor mit harmlosem Sternenheinzelmann: Er stünde rat- und sprachlos vor meiner Tür, traue sich nicht hindurch. Absurde Verdrehung der Umstände, die es mir unmöglich macht, zu reagieren.
Am Nachmittag Friedhof. Ich hatte von Bläserensemble gelesen. Einer fing an, Geld in den Kasten zu werfen, ein anderer, zu klatschen, so taten es alle. Kein Mensch sang mit – so wenig weihnachtlich wie nie. Cornelia whatsappte, ob ich in die Andacht käme, von der ich nichts wusste. Sie würde mich abholen. Bei meinem Weggang aus dem Hospiz hieß es, dass ich dorthin bis ans Ende meiner Tage kommen sollte. Ein Dolchstoß. Emilie getroffen, ehemals Ehrenamtliche. Sie sagte so lieb, das Hospiz ohne mich? Das gebe es doch gar nicht. Und: ja, so sei das, wenn man geht. Ihre Familie hat Corona. Sie ging zum Grab ihres Mannes und dann allein heim. Zu uns wollte sie nicht mit. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch salonfähig. Sie mit ihrem Rosenkranz hätte mich retten können, aber nicht uns. Es ist uns nichtmal gelungen, mit Lodz zu skypen. Totalversagen. Jakob hat mich später nach St. Bonifaz begleitet, auch haben wir mitgesungen. Wo man all die Jahre kaum einen Stehplatz bekam, sah ich diesmal nur Kirchenschwund. Ein Grund hinzugehen: die Obdachlosen. Diesmal kein einziger zu sehen. Leider zelebrierte nicht der Abt, sondern ein Neuling. Versprach sich ungewöhnlich oft, auch mit fatalen Bedeutungswandeln. Wie Hohn statt Thron. Oder (überspitzt) Diebe statt Liebe. Er predigte endlos. Dann sagte er: Jetzt habe er den Faden verloren und seinen Zettel dazu. Wir gingen, ausgefroren, vor der Zeit. Der Chor sang schön.
Heute ist Jakob früh nach Lodz abgefahren. Es kommen gerade erste Fotos von seinem Empfang an festlicher Tafel. Michi und ich haben uns heute Mittag zum „Tramfahren“ verabredet. Am Stachus ausgestiegen, Bürgersaalkirche, St. Michael, überall Orgel, Gesang und Weihrauch, am Dom gewaltiges Glockengeläut, ab Hypo weitergefahren. Unterwegs über divergierende Einstellungen auseinander gesetzt. Im Anschluss Reste gegessen. Beide mit rasenden Fußschmerzen nach den paar Metern trotz Stöcken/Krücken. Den Resttag habe ich die Decke über den Kopf gezogen. Seit gestern frage ich mich, ob es für mich eine möglichst kurzfristige Tablette gibt, kein lang anflutendes Antidepressivum. Nach Renates Schilderung versuche ich es morgen noch mit Christkönig.
Es ist schon wie verhext, dass ihr wieder nicht fahren konntet und Weihnachten zu Hause verbringen „musstet“. War nicht letztes Jahr etwas Ähnliches, als ihr Jakob und Anna in Rotterdam treffen wolltet und krank wurdet? Das Heartbroken von Anna hat mich daran erinnert. Ich finde es übrigens auch schwer, mit Hubert in unserer Küche gemeinsam zu arbeiten, weil wir uns ständig im Weg stehen. Dass sie in St. Bonifaz einen Neuling ran lassen, der so viel patzt, ist ja echt ein schlechter Witz. Hohn statt Thron, fast schon komisch. Obwohl du mit Michael schon viele Weihnachten gemeinsam verbracht hast, habt ihr noch keinen Konsens gefunden, was für euch beide schön und wichtig ist. Und was ist mit Gregor und dir? Wir müssen mal darüber sprechen.
Deine Küche ist echt klein, wenn die Stimmung schon angeknackst ist, noch kleiner. Das Drama um eure Reise habe ich per WhatsApp sozusagen life mitbekommen. Das Michael so einen Horror davor hatte, erzählte er mir im Auto. Die Kraft der Gedanken ist nicht zu unterschätzen. Ob ihr, Herr Linnemann und du wieder einen Weg findet? Mei, ist das alles kompliziert.