23-01-28-Wocheneindrücke zwischen atmosphärischer Tristesse, Eiskunst und Fabian
Montag. Nach jahrelang L-Thyroxin soll auf einmal regelmäßig Blut untersucht werden. Apotheke in der Borstei. Was für eine süße Ladenzeile dort – aber welcher Verhau in den Schaufenstern! Steuerberater. Lollos Luxusuhr zum Laufen gebracht. Karten gebastelt, eine davon an Fabian, andere „auf Vorrat“. Fabian hext mich an mit esoterischen Weltdeutungen (Maulkorb: einiges wird ausgeklammert!). Nachdem er mir zugesichert hat – weil ich so traurig bin, nie von Simon zu träumen – ich könne das auch, kam tatsächlich ein Traum zu mir. Simon hat uns (?) „angeführt“, erst am Steuer, dann zu Fuß, in urwüchsiger Landschaft, von Wasser eingesäumt.
Dienstag: Luft undurchdringlich, nebelig, Himmel grau, Schnee dünn, brüchig zauberlos auf den Dächern – mir fällt im Aufwachen ein, dass ich den Namen von Ines‘ Exschwiegervater nicht mehr weiß, ich gehe das Alphabet durch, R….also doch, Rolf; dass sie jetzt gar keine neuen Schwiegereltern bekommt und jetzt fehlt mir der Name von Rolfs Frau. Wie es wohl Joseph geht? Mein Opa hieß so. Wie könnte ich den Mond malen, besser zeichnen, mit Bleistift? Die Gedichtzeile „Guter Mond, du gehst so stille….“. Ob es nicht interessanter wäre, ein Halb-Traumgeschehen zu skizzieren, statt „heute treffe ich Erna“ (s. Leipziger Oma) und morgen Erwin (s. Rikes Vater)“. Diese Namen kommen wieder, auch Kurt (s. Leipziger Opa). Geschmack im Wandel der Zeit – auch ein Thema, bestimmt auch in Renates Hüteaustellung. Ich lese über die mythologische Bedeutung des Hasen im asiatischen Raum.
Mittwoch. Kontinuierlich von Fabian in Atem gehalten. Er ficht – was wir vom Hospiz kennen – innerfamiliären Kampf aus. Alles eskaliert in Holzkirchen. Nach meiner Überzeugung pflegt er Omama geduldig, aufopferungs- und liebevoll. Melsene – so der Konflikt – verhält sich, als müsse Omama (103 J.) 125 werden, will diese Zwänge (Essen, Treppen steigen) auch Fabian auftragen. Ingo bezieht keine Position. Alle(s) wie eh und je. Fabian rastet aus. Er schreibt ständig, ruft an, fragt um meine Meinung, beschäftigt sich nebenbei mit Omamas lebenslang täglichen Aufzeichnungen, mit ihrer Flucht und seiner Geburt. Obwohl ich eigentlich Zeit habe versuche ich deutlich zu machen, dass ich auf meine Dinge konzentriert bin, nicht ununterbrochen reingezogen werden will. Er sieht, dass er sich jahrelang nicht gemeldet hat und jetzt pausenlos; erklärt alle für verrückt (trifft zu), hält sich selbst für den einzig Durchblickenden (aus meiner Sicht teils zutreffend bei eigenem Irrsinn und Ver-Irrungen).
Bei Bäcker Neulinger haben Kinder – 7, 9 und 3-jährig – eine Rollstuhlrampe aus Legosteinen gebaut – Anlass: der 8-jährige Freund. – Heute wollte ich erstmals wieder in der Seidlvilla das Singen ausprobieren; dann doch geschwänzt.
Ich hab genug von dieser Tristesse, diesem grauen Himmel; wehen Füßen, Gehumpel; will abspecken und fresse viel zu viel. Höre von einer Ex-Kollegin, die vor zwei Jahren „erfolgreich“ eine Krebserkrankung niedergerungen hat und jetzt eine andere, neue (kein Rezidiv!) hat; bereits auf Palliativstation so gut wie im Sterben liegend. Von Gregor kein Wort dazu. Gottlob durch Brigitte, Renate, Heike, Andi. Das erschüttert mich, zumal sie vier Kinder hat, das jüngste schwer behindert. Schlimmste Vorstellung, die Kinder zurücklassen zu müssen, bevor sie eigener Wege gehen.
Bei Ritters zum Abendimbiss. Wider Erwarten gab es dort richtig was, Heike hat sogar mitgegessen! Lebhaftes, „geordnetes“ Familienleben. Gestern wunderbare Peergruppe bei Alexandra, schöne Kurzbegegnung mit ihrem Michael (zum Thema, ob Männer zu Hause sein dürfen, wenn wir Frauen uns treffen); einige – auch schwere – Themen. Dieser Tage lockere ich mich – zum Ausgleich auch gegen die Belagerung durch Fabian – bei Eiskunstlauf auf. Man kommt nicht los davon. Eine magersüchtige Schweizerin macht 16-jährig Platz 3 bei den Damen. Nach Zwischenlektüren weiter mit Ferrante. Endlich ist Eistanz zu Ende, langsam habe ich`s satt.
Es ist auf jeden Fall wichtig regelmäßig deine Blutwerte zu kontrollieren, es kann doch sein, dass du das Zeug mitgendwann gar nicht mehr brauchst. Wenn ich das mit Fabian, der Omama und Melsene lese werde ich selber ganz irr. Eine Rampe aus Legosteinen, wie goldig und aufmerksam. Ich denke oft an C. Furchtbar für die kleine, schwerbehinderte Tochter, die drei Söhne und den Mann, wie der das schaffen soll.
Ja, mein Schwiegervater, der es für mich auch bleiben wird und sich nicht in ein Ex desselben verwandelt, heißt Rolf. Seine Frau hieß früher Eugenie bis sie sich vor ein paar Jahren Sarah genannt hat, weil der Name Eugenie nicht mehr zu ihr passte. Joseph geht es wohl wieder ganz gut, sagte mir neulich Bertin, der regelmäßig in Aham ist. Vieles von deinem Schreiben hatte ich schon in der Peergruppe erfahren. Ein Wahnsinn, was sich in Holzkirchen abspielt. Die Melsene scheint sich nie von ihrer Mutter losgelöst zu haben, oder? Dass du Eiskunstlauf im Fernsehen anschaust, find ist wirklich überraschend. Ich hätte gedacht, dass du das eher verurteilst. Ich war früher auch süchtig danach und würde es wohl auch wieder werden, bekomme aber gar nicht mit, das aktuell ein Wettkampf ist oder war.
Ich habe die Holzkirchener Oma noch vor meinem inneren Auge, wie sie über meinen Vater sprach, so bedeutungsvoll mit jedem Wort. Oder Melsene, die mich mal in der BOB erkannte und mit der ich mich bis München gut unterhielt. Sie hatte damals einen Mann an ihrer Seite. Aus der Ferne war mir die Familie immer etwas gruselig. Vielleicht deshalb, weil ich auch von Dir Geschichten wußte, die kompliziert waren. Wie auch immer, ich verstehe gut, wenn Du nicht Weiteres von Fabian hören willst.