23-05-06-Tár + türkischer Wahltag – Rentendasein – Dult + Krönung

Wie das so ist mit medial hochgejubelten Ereignissen. Sonntags im zweiten Anlauf Tár. Die Stadt war mittags wegen Friedenslaufs dicht. Anders als erwartet, aber erwartungsgemäß eindrucksvolle Kate Blanchett. Zwölf Leute im Kino. Jemand hat den Kampf gegen den Schlaf im Gegensatz zu mir verloren. Jemand ging raus. Ich wollte den Film sehen und habe ihn gesehen.

Unterwegs bot sich ein eigentümliches Bild. Alte Menschen, Frauen in Outfits wie eben einer anderen Welt entstiegen, wurden aus Autos und Lieferwägen gehievt, die im Halteverbot parkten. Der ehemalige Kaufhof diente den Türken als Wahllokal – es wirkte wie ein Massenaufmarsch anatolischer Landbevölkerung. Menschen, die in unserer Öffentlichkeit unsichtbar sind, deren Existenz uns nicht bewusst und wahrnehmbar ist  – ein Zeitschnitt fünfzig Jahre zurück, fast mittelalterlich. Junge Männer der dritten Generation stützten und schleppten diese Menschen zur Wahlurne. – Bei TTT vom Leipziger Buchpreis gehört. Aus Sympathie mit dem Türken, der seinen eigenen Verlag gegründet und seinen Dank den Menschen widmete, deren Nachkomme er ist, unter Erwähnung aller „Putzfrauen“ – wobei die erwähnten kaum je ihre eigenen vier Wände verlassen zu haben schienen, (als Putzfrauen undenkbar) – der seinen Lebensunterhalt als Teilzeit-Gabelstapler verdient, sofort „unser Deutschlandmärchen“ bestellt, leider z.Zt. nicht lieferbar.

Zwischenzeitlich erneut die „Telefonzelle am Ende der Welt“ aufgegriffen und ausgelesen. Die Sprache voll allzu gewollter Bilder und platter Vergleiche passt mir wieder nicht. Dass es aber diesen Trauerort gibt finde ich umwerfend.

Montag ausnahmsweise nachmittags Peergruppe. Geeicht auf Freitag Abend fiel es schwer, die gewohnte Struktur ins ungewohnte zeitliche Setting zu übertragen. Anders auch der Geschmack; Kuchen statt herzhaft/warm wie seit jeher eingeübt. – Dienstag Chor; erfüllt und befriedigt, dass uns zu zweit der Alt gelang. Langsam taut meine Partnerin auf. – Nachmittags „Intensivbesuch“ von Thomas, erstmals seit Weihnachten. – Endlich wende ich mich, aus gegebenem Anlass, nach Jahrzehnten erneut Felix Krull zu – köstlich! – Nach phantastischer Sendung über Schokolade will ich ab sofort mehr darauf achten, den Kakaobauern gerecht zu werden. – Donnerstag und Freitag Auer Dult. Reiche Ausbeute bei meiner LieblingsFrau, die meinen „Style“ vertritt. Gesicht gegen Sonne geschützt; nicht an die Unterarme gedacht, die es bei hochgekrempelten Ärmeln voll erwischt hat! Herrlich, erstes Draußensitzen! – Brandhorst geschwänzt, keine Lust; zu beschäftigt, überhaupt sehr busy diese Woche. Ewige Vorbereitungen, wofür auch immer.

Ich blicke auf ein Dreivierteljahr Erfahrung. Zeithaben lädt zu Allem ein. Ein gewisses Gehetztsein ergreift Besitz von mir. Leichter als früher sage ich, ich mach schon, bin letztendlich dauerbeschäftigt. Sollte gegen Treibenlassen und Getriebensein die vielgepriesene Struktur helfen? Das, was wirklich ansteht, schieben und schieben wir, was mir einen schrecklichen Traum beschert hat. Da war es (ich) Simon, der einfach das Nötige nicht tat und dem ich mit 3 x wöchentlich Therapie gedroht habe!

Auf dem Weg zur Dult fielen mir all die unansehnlichen Menschen in immergleichen wetterfesten Blousons auf, die die Trambahn füllten und dorthin walzten. Natürlich möchte „man“ dieser Gruppe nicht zugehören. Was also ist zu tun? Keinesfalls will ich meinen Selbstwert mit einem „Studium Generale“ aufmöbeln, um dem Klischee der lebenslang Bildungshungrigen zu entsprechen (Ideal meiner Mutter?). Wielang werde ich wohl widerstehen? – Was sich wandelt: Mein Bedürfnis nach Verabredungen ist vorerst gestillt. Die vielen Menschen machen die wenigen noch bewusster, mit denen es exclusiv und vertraut ist. So entflammt ich war: Jetzt kommt wieder die Zeit der „Treue“. Der Schmetterling in mir musste viele Blüten erkunden und bestäuben.

Jetzt verleibe ich mir bei Spargel, Huhn und Eierlikör am Laptop noch eine gehörige Portion Krönung ein.

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Eine Antwort

  1. Ines sagt:

    Eine kunterbunte Woche, in der alles mögliche sein konnte. Für mich hört sich das herrlich an, was du alles machst. Warum was ändern? Das Buch vom türkischen Gabelstablerfahrer würde mich auch interessieren. Die unsichtbaren Türkinnen, die am Wahltag zur Urne chauffiert wurden, haben sicher alle Erdogan gewählt.

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