23-05-20- Deutschlandmärchen- blutige Behandlung – bunte Grüße – Heiliger Geist

Mein Sonntag beginnt mit Hebel: „Unverhofftes Wiedersehen“ – von Jens Harzer gelesen zur Verleihung des Ifflandrings 2019. Eigentlich wollte ich räumen. Stattdessen liege ich mit dem Deutschlandmärchen in den Kissen, weinend. Als ich lese, wie dieses Arbeiterkind, das nur Existenzkampf kennt, Dostojewski und Achmatowa liest, und – laut seiner Mutter – ziegelschwere Bücher auf den 2-std. Weg zur Lehrstelle mitschleppt, für unterwegs und die Pausen – wie er sich nach Schreiben, Dichten und Theater verzehrt, da ist es um mich geschehen. Nie habe ich literarisch das Leben zwischen zwei Welten so intensiv erlebt. Mein Held der Stunde heißt Dincer Gücyeter. – Mit ihm beginnt auch mein Montag. Zum Frühstück – nach erster Leserunde – TAZ-Interview 2022 anlässlich seines Peter-Huchel-Preises. Dann muss ich für Jakob etwas beim Rathaus einwerfen; schlendere im Anschluss, wie ich meiner Lebtage nicht geschlendert bin, über den überfüllten Marienplatz bei Glockenspiel, schere ab zum Literaturhaus, habe alle Zeit der Welt für Simone de Beauvoir; erfahre, dass sie sich mit Sartre sowie ihrer besten Freundin und späteren Adapotivtochter Silvie le Bon lebenslang gesiezt hat, speise hinterher in der Brasserie OskarMaria, lese Zitate auf meinem abgegessenen Geschirr, treffe an der Trambahn auf zwei Polizistinnen hoch zu Ross und kehre heim, als Regen und Hagel gerade pausieren und Vogelsang im blühendem Fliederbusch ertönt.

Bücherkisten packen, immer wieder einen armvoll zur Tonne oder zum Bücherschrank; damit geht es kontinuierlich weiter. Zwischendurch Deutschlandmärchen zu Ende. Beim Abnehmen all der schönen Frauenbildnisse von meiner Pinnwand – meist Lesende oder Schreibende von Gregor – stoße ich überall auf seine Handschrift, Zeilen voll Nähe und Vertrautheit – oder einfach heiße Luft? Ein Kärtchen mit Notfall-Ansprechpartnern direkt bei meinem Ausweis, falls ich irgendwann irgendwo aufgeklaubt werde: Michael, Jakob und Gregor – wandert in den Müll; ebenso das Zettelchen, auf dem für Notfälle die Daten seiner Eltern und des Bruders stehen.

Dienstag Singen, später Jürgen; Akupunktur in beiden Beinen, Hand und Stirn. Dann kommt Schröpfen am Rücken, vorher Ritzen und Stechen (auch in die linke Kniekehle), also blutig. Auweia! Mir scheint der gellende Schmerz der dauerentzündeten Sehnenscheide hinterher milder.  – Mittwoch gleich früh räumen. Allein mein Zimmer wird mehr als nur Tage brauchen. Es war immer zu klein und ungünstig geschnitten, um es vernünftig einzurichten, zumal es zuviel beherbergt. Ich fühle mich trotzdem wohl darin, „eigentlich“. Da ich nicht ganztags werkeln kann fliegen wir zwischendurch nach Kochel aus. 3km Fußweg am Ende doch die Hölle. Zauberhafte Kartengrüße – wie ich die Verbindung von Bild und Schrift liebe! Ich habe gelernt, dass Franz Marc bei Lily Klee regelmäßig Klavierstunden hatte. „Franz Marc: Bunte Grüße an Paul Klee“ müsste eigentlich von Marcs und Klees sprechen – Viererkonstellation voll freundschaftlich-künstlerischer, humorvoller und spiritueller Aspekte.

Am Samstag Schreiben bei Alexandra – nach Körperselbst im April – Spiritualität. „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ Was sind und tun diese Frauen nicht alles! In dieser Hinsicht aber unbeschriebene Blätter, wie ich es von Patienten, Angehörigen und einigen KollegInnen kannte. Über nichts ist sich der Mensch weniger im Klaren. Was, wenn ich nicht all die Jahre an und mit diesem Thema gearbeitet hätte? Meine „Forschungen“ und Erfahrungen habe ich meiner Arbeit im Hospiz zu verdanken, meinen schweren Verlusten sowie der unerträglichen Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich im Dunkeln tappt. Meine tiefgründigste, betagte Teilnehmerin sagt am Ende: Heiliger Geist geschehe in dieser Gruppe. Der sei jetzt im Raum. Pure Seligkeit für mich. Spiritualität braucht Gemeinschaft.

 

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Eine Antwort

  1. Ines sagt:

    Ach, wie wunderbar, wenn es gelingt, die Spiritualität in der Gruppe lebendig zu spüren. Ich kann mir vorstellen, wie gut es sich für dich angefühlt hat. Aus deinen Zeilen spricht, wie du es genießt zu Schlendern ohne auf die Uhr zu sehen. Ich frage mich, ob du irgendwann mit dem Räumen „fertig“ bist.

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