23-09-03- „Ein Haus aus Stille“ gegen traumatische Ereignisse – 1 x Schreiben bei Ines, 1 x als lädierter Profi
Vom gepflegten, sehr gediegenen Schreibfrühstück bei Ines zu Michael gefahren; den brauche ich momentan dringend. Ein wesentlicher Schritt ist getan, indem ich meine Situation – wie vorgenommen – offengelegt habe. Was wünsche, erwarte, erhoffe ich mir? Darf ich überhaupt etwas erhoffen? Wenn nicht, was würde das für meine menschlichen Miteinander bedeuten? Mitgefühl und Diskretion – das ist das Schwierigste. Worin zeigt sich das? Ich bin an die Trauer um Simon erinnert, auch wenn niemand gestorben ist. Im ersten Schock dieses Körpergefühl. Herz steht still, will „aus dem Kasten“ springen, kein Wort kommt über die Lippen, Atemstolperer. Blutdruck rauscht. Gesprochenes bleibt nicht hängen, nur einzelne Wörter. Ich sagte zu Ingo, er käme doch eigentlich nur bei Katastrophen. Was also führe ihn zu mir? Benebeltsein, wie unter Betäubung bis hin zum Gehör; vorhin ist das Ohr zugefallen; neben-mir-Stehen, verflachter oder fliegender Atem. Nerven liegen spürbar blank – wie man das heutzutage bei jeder Gelegenheit sagt. Beim Schreiben liegt das EINE obenauf, selbst bei scheinbar unsinnigen oulipotischen Experimenten. Dieses Körpergefühl erinnert an Trauerfolgen; natürlich ist es auch anders. Alles ist neu für mich. Ein Gefühl, das ich noch nie gefühlt habe, ein Weg, den ich noch nie gegangen bin, eine Angst, die ich noch nie gespürt habe; noch nie hinter einer dicken Scheibe eingeschlossen in einem winzigen Raum gesessen, nie die Erleichterung gewusst, was freundliche Behandlung in dieser Situation bedeutet, dieser Tonfall mit Grüaziwohl. Nie zu hoffen gewagt, dass genau das etwas Gutes sein könnte. Nie dieses Gefühl geahnt, obwohl tausendmal antizipiert. Nichts dergleichen je gelesen, je gesehen, niemanden in der Mutterrolle je gekannt. Nie am eigenen Leib erfahren, was Rechtsstaat bedeutet. Die Tage teilen sich auf in „vor der Nachricht“ und danach. „Vor dem Besuch“ und danach. Dadurch, dass Fabian auch sprachfähig ist mit spirituelle Ader, eröffnet sich die Möglichkeit zu Gespräch. Im Brief – wohlweislich, dass er geöffnet wird – haben Novalis und „Septemberlicht“ Platz, Hölderlin in seinem Turm ist uns eine Brücke. Mitteilungen können stattfinden, kein Sumpf von Alltäglichkeiten. Auch seine Mitbewohnerin freut sich auf Brieffreundschaft. Man denke an Viktor Klemperer und andere Leidensgenossen – die konnten/können davon nur träumen. Inhaftierten Juden wurde damals als erstes Zeichen der Entwürdigung die Lesebrille abgenommen. Einen Bleistiftstummel zu erbetteln ein Gnadenakt.
Die samstägliche Psychoschreibgruppe beinahe nicht geschafft, auch wenn sie letztlich gutgetan hat. Alles „unter Verschluss“.
So gehe ich diesem Altweibersommer entgegen, hoffend, dass der ein oder andere Schwimmausflug noch möglich sein wird. Dringend muss ich mich um Stabilität kümmern, sie nicht dem Zufall bzw. Tavor überlassen. Wasser wäre ein guter Ort. Wenn ich auf „alte Erfahrungen“ zurückgreife, rechne ich mit einem inneren Anpassungsprozess, der einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Jeder noch so läppische Trigger lässt das angegriffene Nervensystem entgleisen. Bei Michael hat mich unbändige Erschöpfung überfallen. Er, der nicht viel sagt, zitierte sowas wie „da kam Athene und goss goldenen Schlummer über seine Augen…“ aus der Odyssee. Ein wunderbarer Satz. Dem gehe ich jetzt nach. Ebenso dem Vogelnest an Fabians Fenster, dem Lachen, dem Hahnenschrei, dem Blöken des Schafes und dem Haus aus Stille und aus Septemberlicht. Fabian sieht Sinn; ob er von Chance sprach, das weiß ich nicht mehr.
Dass du dich gestern uns anvertraut hast war gut und hoffentlich entlastend für dich. Ich wüsste auch nicht wie umgehen mit dieser Situation. Das Erste wäre wahrscheinlich Schuld und das Gefühl von totalem Versagen als Mutter. Nur übersieht dass das Alter deines Sohnes. Du und Fabian, ihr könnt über das Schreiben und den Austausch von Literatur kommunizieren, das ist etwas Besonderes und bringt Nähe, auch über dicke Glasscheiben hinweg.
Dass Du schreibst, wie stark Du körperlich auf diese neue Situation reagierst, hat mich gleich noch besonders betroffen gemacht, wir haben es ja alle am Sonntag auch schon mit-erlebt. Es ist eine Erschütterung, ein Erdbeben, hoffentlich wird für Euch alle der Zustand erträglicher, das wünsche ich Euch so sehr!
Ich tu mich schwer mit einem Kommentar, weil ich befürchte, du kannst den nicht gebrauchen. Einerseits fühle ich mit dir, andererseits denke ich, dass es für Fabian gut ist, denn durch die erzwungene Pause muss er sein Leben ändern. Möglicherweise selber lernen ohne Drogen zu leben, diesbezüglich weiß ich nicht, ob er konsumiert hat.