23-09-16 – Doch nochmal altweibersommerlich – Punkte sammeln gegen die Depression
Zwischendurch der lang angekündigte Sommerschluss, bevor der Altweibersommer wieder durchbricht. Luft frisch, Himmel bewölkt, Regen. Panik, ich müsste noch auf Vorrat schwimmen. Leider tun die Beine derartig weh, sind schwach, sodass ich kaum das Fahrrad in Bewegung bringe. Magnesium hilft nicht. Um noch unsere Einheiten zusammen zu bekommen lieh Michael Stattauto und so kamen wir – „aus Versehen“ – letzten Sonntag zur Hochbebriebszeit zum See. Wir gerieten uns sofort in die Haare, weil ich mich weigerte, ins Wasser zu gehen und Michael sauer wurde; er „wusste gar nicht, dass ich so zickig sein könnte“. Wir fanden dann doch ein geschütztes Einzelplätzchen, das sich aber als Klo entpuppte, wie wir dann erschnupperten. Beim Ausziehen hörte ausgerechnet ich mit meinem schwachen Gehör ein Geräusch: etwas war auf den Boden gefallen. Suche vergeblich, was sollte es auch gewesen sein? Der Einstieg eine Tortur – würde Turnverein helfen? – dann vom Wasser aus nochmal gesucht; da lag die Stattauto-Chipkarte auf dem Grund. Glück gehabt. Das Schwimmen toll; nochmal am Dienstag, diesmal Carl und Carla. Wir hatten – endlich mal wieder – ein paar Teile transportiert. Schulanfang: mittags, der See für uns allein. Ansonsten seit Wochen keine Zeile gelesen. Die meiste Zeit liege ich herum, schaue in die Luft, wie gelähmt; halte Verabredungen ein, wenn sie denn schon stehen. So ziehen mich gute Gespräche aus dem Sumpf. Mit Susanne (Familienfreundschaft) ist es durchaus persönlich; damit, das „Eigentliche“ offenzulegen, bin ich aber vorsichtig (geworden). Es war auch nicht nötig. Unsere Treffen entwickeln sich zusehends zu literarisch-musikalischem Austausch. Letztes Mal hatte ich vorgeschlagen, wir sollten uns beim nächsten Treffen (ab sofort immer!) gegenseitig ein (auswendig gelerntes) Gedicht mitbringen. Die Premiere so zauberhaft, dass mir die Tränen kamen. Ein einzigartig-lebendiger „Vortrag“, ganz für uns allein. Sie Kalekos „Rezept“, ich Strittmatters „Vor einem Winter“. Unsere Zugänge zu diesen Dingen sind ähnlich. Das inspiriert und verbindet. Beispiel: die Hände unserer Klavierlehrerinnen – Ausflug in frühe Erinnerungen.
Am Montag Aetas. Ich glaubte, es nicht zu schaffen. Wenn es sein muss geht es doch. Thema Reise. Ich habe unser Experiment der Verbindung zweier Gedichte wiederholt, diesmal mit Goethes „Reisezehrung“ und Benns „Reisen“. Erst gestöhnt, aber dann wurde es lustig. Ich lerne immer dazu. Z.B. hätte ich einen Rundtext besser als Rollzettel gemacht. Die Gruppe hat gefeedbackt, dass die Intervention gegenüber der Schlaumeierin letztes Mal sehr dezent war. Eine sagte, sie habe sich so gestört gefühlt ob der Veränderung, die diese Frau mitgebracht hat. Die Gruppe sei nicht mehr dieselbe gewesen – insgesamt also Erleichterung, dass sie weg ist.
Ende der Woche doch ein Leseversuch. Beate hatte vom „Letzen Satz“ von Seethaler über Mahler gesprochen. Ich wollte das sofort auch, weil ich für Michael Karten für ein ganz besonderes Mahlerkonzert habe. Wäre ein schönes Geburstagsgeschenk zusammen. Literarische Enttäuschung leider.
Am Freitag Peergruppe in Arianes herrlichstem aller Gärten. Erlösende, zutiefst bewegende Runde – hinterher total erledigt. Kostprobe missglückten Schienenverkehrs ertragen – zwei Stunden Heimweg mit einem hilflosen ukrainischen Vater zweier Kleinkinder, dann mit vorab besoffenen Wiesenchaoten. – Endlich hat mir Michael ein paar Bilder aufgehängt, ich kann einfach nicht. Brief von Fabian. Telefonat mit seinem Cousin, der ihn besucht hat. Mit Dodo zum Geburtstag, die mich wohltuend unverblümt in den Hintern tritt bzgl Vernachlässigung körperlicher „Potenziale“. Mit depressiver Exteilnehmerin einer Schreibgruppe – hilfreich. – Vielleicht doch nochmal Schwimmen?
Etwas Sport würde den steifen Knochen und der Beweglichkeit sicher nicht schaden. Inzwischen fast ein Unding sich ein Gedicht zu merken. Bravo, wenn du das hinkriegst. Hattest du dir den letzten Satz nicht von mir ausgeliehen und fandest ihn gar nicht so schlecht?
Ui, wie schön…dass ich gerade nicht vergeblich in den Briefkasten schaue. Ich kann mich nicht erinnern, m.E. mein erster Seethaler und gar nicht lesenswert.
Gespräche, Gedichte, Schreibruppen helfen, dich aus der depressiven Stimmung herauszuholen. Was meint Dodo mit körperlichen Potentialen? Die Szene am See ist von außen betrachtet amüsant. Zum Glück habt ihr diesen Chip wieder gefunden.
Dodo sagt, ich müsste mindestens irgendwas für meinen Körper tun, nicht gerade Kniebeugen, aber in der Art. Ihr sei wichtig, zum Beispiel am Boden mit den Enkelkindern spielen so können oder sich runterbeugen, auf den Boden zu kokmmen und wieder hoch, all sowas. Sie selber ist ja schlank (manchmal zierlichst, manchmal etwas voller), aber von Natur aus ungewöhnlich sportlich. Aber auch sie hat schon zwei neue Hüften. Sie sagt, wenn wir uns nicht irgendwie geschmeidig halten wird das Alter ganz schlimm. Sie setzt damit auch ihrem Mann täglich zu. Sie hat recht. Potenziale im Sinn von: irgendwas geht immer. Nicht gleich Turnverein, sondern im Alltag kleinstschrittig.
Die Szene am See ist wirklich herrlich, eine olfaktorische Herausforderung, gepaart mit einem vorübergehenden Verlust und dann das Baden im Wasser, das alles besänftigt. Die drohende Bewegungslosigkeit im Alter schwebt auch über mir wie ein Damoklesschwert. Nicht zuletzt deshalb bin ich wild entschlossen, dem entgegen zu wirken