Bräurosl, Bauerntheater und Sehnen nach Tiefgang
Ich schreibe schon heute, am Samstag, weil wir morgen für eine Woche in die Pfalz fahren für einen kleinen Urlaub, davon werde ich nächste Woche berichten. Die vergangene Woche fing am Montag mit einem Besuch auf der Wiesn an. Eine Freundin von Patricia, die wir schon öfter auf Festen erlebt haben und mit der ich mich immer gut verstanden habe, lud uns ein, da sie noch zwei freie Plätze an einem Tisch im Bräurosl Zelt übrig hatte. Eigentlich wollte ich dieses Jahr nicht auf das Oktoberfest gehen, aber über die Einladung freute ich mich und spontan sagten wir zu. So nahm ich am Montag früh mein Dirndl mit in die Arbeit und fuhr nach Feierabend in Tracht dort hin. Das Zelt war schon um 17 Uhr unglaublich voll und laut. Die Musik spielte die bekannten Wiesnhits und die Menschen, die mit uns am Tisch saßen, waren ordentlich in Feierlaune und so standen wir bald auf den Bänken und sangen mit. Hubert und ich haben alles irgendwie mitgemacht, aber weder er noch ich waren mit dem Herzen dabei. Das Kribbeln, was diese Stimmung früher in mir ausgelöst hatte, war jetzt vollständig weg. Später kam noch Luisa mit ihrem Date (wieder ein nonbinärer, von Geburt weiblicher Mensch) zu unserem Tisch und feierte ausgelassen mit. An ihr konnte ich nachvollziehen, wie es ist, wenn man mit Inbrunst die Stimmung im Zelt genießt und sich ganz hineingibt. Zwischendurch spazierten Hubert und ich mal eine Runde über das Wiesngelände, was ganz schön war, weil gar nicht voll und recht friedlich. Das Fazit am Ende war, dass wir das Feiern im Zelt nicht mehr brauchen und uns dafür inzwischen zu alt fühlen. Ich merke an mir, dass ich empfindlicher werde, was zu viele akustische, visuelle und auch olfaktorische Reize betrifft. Ich bin zwar gewiss nicht hochsensibel, aber ich neige zur Reizüberflutung und fange dann an, mich unwohl zu fühlen. Am Dienstag ging es nach der Arbeit direkt zur BOB am Harras, um nach Schliersee zu fahren. Dort hatten wir Karten für das Schlierseer Bauerntheater. Der „Boandlkramer“ hieß das Stück. Ihr als Bayern kennt das sicher. Es wurde uns als sehr lustig und sehenswert von den Schlierseer Nachbarn empfohlen. Ich fand das Stück etwas langatmig und die Spielkunst der Laienschauspieler etwas schwach. Zudem steckte mir die Wiesen noch in den Knochen, so dass ich mit dem Schlaf auf den beinharten Holzstühlen kämpfen musste. Wir fuhren am Abend nach dem Stück noch zurück nach München, so dass ich am nächsten Tag mal länger ausschlafen konnte und den freien Mittwoch mit Yoga und (wie so oft) Zahnarzt genießen konnte. Wie ich mich immer nach den freien Mittwochen sehne, an denen ich hauptsächlich alleine bin und nach meinem Tempo und Gutdünken den Tag gestalten kann. Nachdem wir am Mittwoch und Donnerstag abends zu Hause verbracht haben, waren wir gestern zum Essen in einem vietnamesischen Lokal von Dieter und Bärbel eingeladen, auch ein Hochzeitsgeschenk. Das Essen war gut, aber die Stimmung am Tisch war etwas bemüht und es kam weder eine lustige Stimmung auf noch kam es zu tiefer gehenden Gesprächen. Ich habe eine Sehnsucht nach Tiefe und bin nach Treffen oft enttäuscht, dass ich sie nicht herstellen konnte. Lustigerweise ist es mit Sören anders. Manchmal vermisse ich ihn und das Reden mit ihm regelrecht. So rief ich ihn gestern an und wir telefonierten eine Stunde. Mit ihm ist es überhaupt nicht oberflächlich. Das liegt aber auch daran, dass es ihm seit langem nicht gut geht. Er redet offen über seine Einsamkeit, sein narzisstisch Beziehungsstörung und dass er sich dauernd um sich selber dreht und das als Gefängnis empfindet. Innerlich jubele ich zwar manchmal, weil er rückblickend viele seiner Fehler erkennt, unter denen ich früher gelitten habe, aber in erster Linie tut er mir Leid und ich wünsche ihm, dass er einen Schritt aus seiner Misere heraus machen kann.
Was mich verblüfft: Gerade gestern gerieten wir – M. und ich – auf dem Weg von Possnhofen in eine volle S- Bahn, die wie bei uns kürzlich ab Pasing ohne Halt bis Ostbahnhof gefahren wäre. Statt den Geräuschpegel und – wie du schreibst – all die Reize weiter auszuhalten, sind wir umständlichst mit zeitraubenden Umstiegen per Bus weitergefahren. Die Sehnsucht nach Tiefe verstehe ich innigst. Nach einem Sommer voller „Events“, Feiern, Gaudi und Erlebnisrräuschen ist wieder was anderes fällig. Gut, dass ihr darin einig seid und ja, einen Teil dieser Seite verkörpert Sören. Die zweite nonbinäre Beziehung bei Luisa lässt mutmaßen, dass in ihr wahrhaftig eine Anlage stecken könnte.