23-12-09-Verklemmter Praxis-Schlüssel – Auflösungserscheinungen, nebenan.de und Langhornrinder

Eigentlich sollte Michael am heutigen Samstag bei mir einziehen. Ich wollte nach der adventlichen Schreibgruppe bei Alexandra bei ihm antreten und ihn später bei mir über die Schwelle tragen. Jetzt ist es anders gekommen. Gestern hatten wir wieder Marathon bei ihm, nachts k.o. und aufgekratzt gleichermaßen bis 1:30 Uhr ferngesehen, heute früh raus. Die Praxisräume gingen auf, aber der Schlüssel zu Teeküche und Toilette hatte sich im eigenen Karabiner verhakt – Zutritt verwehrt. Ich musste so dringend aufs Klo wie noch nie im Leben. Auch kommt eine dreistündige Gruppe nicht ohne Wasser, Tee und Toilette aus. Alle haben alles versucht. So fanden wir Herberge in der anliegenden Wirtschaft mit Plastiktannengirlanden und roten Blechglocken, in der es zunehmend lebhaft zuging beim Frühschoppen; also mittags zurück in Alexandras Stille. Diese Aufregung, das heutige Pensum und das der letzten Zeit haben uns bewogen, uns noch einen Junggesellenabend zu gönnen. Für Feierlichkeit fehlte die Kraft.

Frau Raices stattliche Fracht hierher ist über die Bühne. Sie freut sich so über Ines‘ Spende! Die Förster haben Lollos Jugenstilgardarobe, Michaels schönsten Schrank und die Kommode im Eingang genommen – juchuh! geschrieben, dass die Gardarobe nicht nach Berlin geht; freuten sich wie Kinder und fuhren mit dem Schrank auf dem Dach ab. Am Ende wurde es kompliziert – wer hat nochmal was reserviert und wann und wie wollten sie es abholen? Muss es sein, dass ausgerechnet dieser Tage ein SUV direkt vor Michaels Tor dauerparkt? Eine Großwirtbekanntschaft, ein alter Mann mit ebensoaltem Kumpel, hat stundenlang den Keller durchstöbert, drei Wagenladungen mit Werkzeug, Sägen, Rasenmäher, angebrochenen Gewürztüten, Öl, Nudeln, bis unters Dach bepackt, mitgenommen. Leider fehlte danach auch der Staubsauger, Zucker und Honig zum Frühstück. Die Erfahrung dieser Verschenkwoche war schillernd. Ein Prolet Typ TU-Student … psst!, der sich was Besseres dünkte; zumeist (herzens-)gebildete Menschen; Schüchterne; richtig arme Leute; Gerner Schickeria, junge Paare, Ukrainerinnen, freundliche Streuner und Stammgäste – alles dabei. Jemand braucht nur ein Tablett, ein anderer alles. Einer trug seine Schrankteile einzeln zu Fuß um die Ecke ins Haus. Manch einer klingelt später nochmal mit einem Fläschchen Wein. –  Messie-Thies kommt morgen allen Ernstes von Kiel, um allerletzte Habseligkeiten mitzunehmen. Michael hat ihm mehrfach gesagt, dass ihn die Fahrt mehr kosten wird als eine Ikeabestellung. So haben wir also noch ein letztes Bett bezogen… wo soll er schlafen, wenn nicht hier. – Unterdessen geht täglich etwas kaputt. Michael sagt, das Haus wehrt sich. Hoffentlich nicht die Waschmaschine und der Trockner. Beides lief Tag und Nacht. Bettdecken und alle Matratzenbezüge für Mosambik, nonstop abziehen, waschen, trocknen, neu beziehen. Gerade, dass die Maschinen nicht glühten. – Am Montag kommt ein letztes Mal die Wäscherei und holt gefühlte zehn Zentner Wäsche ab.

Als die letzten Gästinnen, drei amerikanische Schwestern „Josefine, Laura und Monica“, die seit eh und je in die Pension Lutz kommen, nach allseitigen Umarmungen und letzten Fotos durch den Fahrer mit acht Riesenkoffern in ein Großtaxi stiegen, habe ich mich erstmal am Michaels Schulter ausgeschluchzt. Sie waren früher mit Mutti gekommen, die inzwischen im Himmel ist. Diesmal war klar, in welchen Auflösungszustand sie geraten würden – sie wollten trotzdem. Michael hat sie ausdrücklich eingeladen. Aber am Ende haben wir „Weihnachtsgeld“ gefunden, eine Rindsledermappe von einem der Langhornrinder, die Josephine auf ihrer Ranch züchtet. Eine rührende Dankeskarte für all die Jahre der „Freundschaft“! Die drei übernachten traditionell zu dritt in der „Präsidentensuite“. Nicht nur, was sie an Müll, Plastik und Kosmetika hinterlassen wäre was für T.C.Boyles nächsten Roman. Das Geld sei übrigens von ihrer verstorbenen Mutti – sie hätten es vorgefunden in einem Filzmäppchen – als Hinterlassenschaft für Michael. Nicht „Bezahlung“, sondern Geschenk.

Dienstags Chor, danach Ehemaligentreff bei Marina, einer Ex-Kollegin. Sehr nett! Die Fahrt Luftlinie ca 5-7 km dauerte 2,5 Stunden.

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3 Antworten

  1. Beate sagt:

    Die Auflösung treibt mir Tränen in die Augen: Was für ein Schmerz. diese tolle Pension gibt es nicht mehr! Wie herrlich lustig aber ist doch Deine Darstellung!des bunten Durcheinanders! Wie rührend der Abschied, vor allem das Geschenk in der Rindsledermappe! Wie sinnlos das Unternehmen der Truppe aus Kiel! Schätze sind verschwunden, Überflüssiges auch, was bleibt, ist die Erinnerung an die vielen Jahre dieser charmanten Pension und die mühseligen langen Arbeitsstunden der Auflösung!
    Verheb Dich nicht, wenn Du Michael über die Schwelle trägst! was für ein lustiges Bild entsteht da vor meinem inneren Auge! was für ein großer Moment! Nun lebst du fortan nicht mehr allein! Alles, alles Gute dafür!

  2. Ines sagt:

    So eine bewegte, emotionale und schillernde Woche beschreibst du. Zum Piepen, wenn du schreibst, Michael über die Schwelle tragen zu wollen. Verbunden mit dem letzten Junggesellenabend könnte man fast meinen, ihr heiratet jetzt noch mal. Wahrscheinlich wird die Veränderung jetzt auch größer als nach der Trauung.

  3. Renate sagt:

    Irgendwie ist es traurig über den Auszug aus der Pension zu lesen. Sie war doch auch für mich, als Teil der Schreibgruppe, oder als Gast bei deinen Geburtstagsfesten ein wichtiger Ort. Das du Michael über die Schwelle tragen wolltest wird nur per Visualisierung gehen. Rührend die drei Amerikanerinnen und überraschend das Geschenk in der Langhornrindermappe.

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