2024-01-07- Schreibgruppe – Perlen 2023 – Silvesterlese – „Licht“ durchdringt eigenes Leben – Tod des Kaisers

In völlig anderer Verfassung setze ich mich Sonntag abends zum Bloggen als am Morgen, zumal nach gemeinsamem Schreiben – dazwischen liegt Aufräumen, Austausch, ein Abendessen mit Michi und ein unangenehmer Tatort. Immer öfter verstehe ich akustisch die Hälfte nicht. Das liegt m.E  an dieser neuen Nuschelkultur, nicht nur an meinem Gehör. „Eigentlich“ wollte ich heute noch mit euch die „Perlen des vergangenen Jahres“ auffädeln. Vielleicht gehören sie jetzt aber der Vergangenheit an und ich fasse nur noch die ganz großen zusammen wie die noch nicht reife Verzeihung, die noch Zeit braucht, vielleicht bis ihr das Vergessen zuvor kommt. Oder dieses durchgeräumte Jahr 2023 – wie in den alten Blogs gelesen – es zog sich von Anfang bis Ende! Die Riesenneuerung ist nicht, dass wir fertig wären, sondern dass der Druck weg ist und wir entweder weitermachen oder eben nicht. Das dürfte ein Teil dieser einzigartigen, erholsamen, im wahren Sinn ersprießlichen tiefen Stille sein. Zusammenziehen ohne Zwänge (außer vielleicht einem kleinen Aspekt, das „GOLD“ betreffend), sehnsuchtsvolle Ansprüche und übersteigerte Hoffnungen. Eine andere „Perle“ sitzt in Horgen im Gefängnis. Auch heute wurde ich um eine Erfahrung reicher – Momente von Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit, auch spirituelle Aspekte hatten Platz. Allein geht es nicht, es braucht Gemeinschaft. Im Tischgespräch finden sie selten statt. „Dem, was andrängt, eine Stätte bereiten“ – Heideggers Worte. Vielleicht DIE Aufgabe?

Mein Übergang ins Neue Jahr ging wünschenswert unspektakulär vonstatten. Wir haben sogar das Notwendige zum Anstoßen vergessen!, das Essen war misslungen; wir legten keine Karten, ersannen keine Vorsätze und führten keine erhebenden Gespräche. Nicht, dass uns ein Jahresübergang nicht wichtig wäre! Aber uns gefällt es ohne PiPaPo – da wir allein waren war das gestattet! Um 11:55 das Licht ausgemacht und augenblicklich geschlafen, von keinem Böllerschuss gestört. Ich genieße es, dass keiner sich auf den Weg zum anderen machen muss. Nie wieder die Pension betreten – kein Bedauern. Vorerst sind wir beide gern zu Hause. Heute erstmals Ausgehzwang für Michael. Beates Tipp mit dem Stadtmuseum? Dort standen die Menschen in Schlangen, auch das Café restlos überfüllt. Doch Turner? Menschenmassen. Glyptothek? Voll. Alle Wege, hierhin, dorthin, wie eine Rushhour am Freitag Nachmittag, sagt Michael. Alles auf der Flucht vor dem letzten Ferientag? Als wir bei Jonas am Neujahrstag unseren Gruß mit Dankeschön entboten, zeichnete sich beim jungen Paar auch schon Hoffnung aufs Ferienende ab. Zu Hause mit dem einjährigen Felix – so süß der ist – schien ihnen die Decke auf den Kopf zu fallen.

Perlen der Woche: Nachlese. Stille. Brief an Fabian. Stille. Besuch bei Jonas. Stille. Dreikönig in Christkönig. Stille. Schreibgruppe.

Dass ich regelmäßig Lesekrisen beklage wurde mir bei der Jahreslese bewusst. Derart erleichtert war die aktuelle relativiert. Nach T.C.Boyle’s „Licht“ jetzt Austers „Baumgartner“. Ich habe mir meine Lesevorhaben für 2024 notiert, um die Eckpfeiler nicht aus den Augen zu verlieren und mich diesbezüglich nicht einfach treiben zu lassen. Das Lesen und Ausdünnen alter Briefe war zudem ergiebig, wiewohl ich mir selbst heute mit Anfang zwanzig zuwider bin. Viel erlese ich ja aus den Resonanzen anderer. Heute habe ich Ingo gefragt, von dem ich stoßweise Briefe gefunden habe, ob ich sie aufheben soll, insbesondere die seiner Nebenfrau während der Schwangerschaft mit Fabian, bzw ob ihn ein Stimmungsbild aus dieser Zeit interessiert. Unbedingt aufheben! Wie können diese Briefe überhaupt in meinem „Archiv“ auftauchen? Erinnerungen werden begleitet, untermalt und durchzogen vom „Licht“, das eigene, auch leidvolle Erfahrungen literarisch auf den Punkt bringt – diese dem Zeitgeist geschuldete Promiskuität, die verordnete sexuelle Freiheit, die gescheiterte Verleugung von Besitzansprüchen und Gefühlen wie Eifersucht. Der Pfad der „Selbstbefreiung“ und „Loslösung von gesellschaftlichen Zwängen“ im Buch durchmischt sich mit unseren Leben als Kinder dieser Generation. Anruf von Ingo: Fabian braucht Schuhe. Als wären wir nochmal neu Eltern. – Gerade – bereits Montag – erfahre ich telefonisch von Michael, dass Beckenbauer gestorben ist. Heute sollte eine Arte-Doku über ihn kommen, die wir schon vorab gesehen haben. Auch er ein Teil meiner Jugend, wenn auch ein ganz anderer! Der Kaiser ist tot. Es lebe der Kaiser!

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5 Antworten

  1. Ines sagt:

    Zunächst freut es mich, dass du und Michael es beide genießt zu Hause zu sein und die Pension nicht vermisst wird. Auch ich fand es damals schön, nicht immer den Weg zum anderen zu machen. Und es tut mir Leid für Michael, dass er scheinbar keinen sehr erfreulichen Nachmittag hatte als wir ihn aus der Wohnung vertrieben haben. Die alten Briefe von dir und Ingo, oje. Ich würde es bestimmt auch schwierig finden, meine Briefe aus dieser Zeig zu lesen, obwohl ich bezogen auf sexuelle Befreiung eine Generation jünger bin und in meinen 20ern andere Themen aufkamen. Aber alle Briefe sind einem Wasserschaden zum Opfer gefallen und nicht mehr da. Ich vermisse sie nicht.

  2. Renate sagt:

    Mir geht es auch so, wie du schreibst was das Hören der TV Stimmen betrifft. Ich verstehe auch die Hälfte nicht, selbst mit der Funktion „klare Stimme“, oder wie die heißt. Anstoßen, soll Glück bringen! Wir taten es mit Wasser, statt Sekt, den keine von uns mag. Hier war schlafen in der Silvesternacht eine Unmöglichkeit, zumindest für mich. Beckenbauer ist wirklich gestorben. Ich dachte es wäre fake, als ich die push Nachricht auf meinem Handy las.

    • Heike sagt:

      Das mit der Stimme beruhigt mich und danke für den Tipp….vielleicht finden wir die Einstellung „klare Stimme“, ich wusste nichts davon. Mit einem Glaserl Wein haben wir schon angestoßen – ich wusste nicht, dass das auch „zählt“ – gut zu wissen!

  3. Beate sagt:

    Michael in Verbannung und dann trifft er auf Horden von Leuten in den verschiedenen Museen- das klingt so gar nicht toll, ein Grund, warum ich Sonntags nicht ins Museum gehen mag. Im Stadtmuseum war es einen tag früher auch sehr voll, aber die Massen verlaufen sich dort eher- jetzt ist es sowieso zu.
    Das mit dem „schlecht hören“ an manchen Stellen, geht mit ähnlich. ich habe deshalb vor ein paar Tagen einen Termin beim HNO-Arzt ausgemacht. meine Cousine Hiltrud hatte es versäumt, sich rechtzeitig ein Hörgerät anzuschaffen, ein echter Fehler, den ich vermeiden will

    • Heike sagt:

      Ich lasse mein Hörgerät seit Jahren in der Dose. Dass es damit alles andere als einfach ist und ein Prozess war mit einem wöchentlichen Termin über ein Jahr – das will anscheinend niemand hören oder glauben. Warum wohl lassen soviele Leute ihr scheißteures Gerät – so wie ich – einfach liegen? Es stimmt einfach nicht, dass die frühzeitige Anschaffung („Gewöhnung“) irgendetwas vermeiden hilft.

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