2024-02-17- Gefüllte, erfüllte und Leer-Zeiten – Lohengrin, Susanne + Zirkuspferd – Aschermittwoch – Klavier und Navalnys Tod

Erster Eintrag Donnerstag, 15.2.: Ich achte streng darauf, Leerzeiten einzuplanen. Was ist streng? Und was sind Leerzeiten? Mir wächst mein Programm zuweilen über den Kopf. Wie soll das erst „im Alter“ werden? Wann beginnt „das Alter“? Ich kennzeichne die Tage, an denen NICHTS steht und das so bleiben sollte. Am Donnerstag kam mir ein „Termin“ über nebenan.de rein: Lohengrin. Ich habe mir die Karte für 55€ abgeholt, ohne auf Lohengrin besonders scharf zu sein und erst hinterher gelesen, dass er fünf Stunden dauert. Die Kritik ist ziemlich schlecht, aber das sagt nichts. Jetzt schon plane ich, nach der zweiten Pause zu gehen, es sei denn, ich wäre begeistert.

Montag Blutergebnis – der Schulddrüsenwert, zwölf Jahre nie kontrolliert und jetzt alle Nasen lang, ist weiterhin so, dass ich mit meiner Dosis hinkomme. – Nachmittags meine literarische Gesprächsfreundin getroffen. Ich hatte diesmal mein Gedicht gut gelernt! Meine 1. Wahl befand Michael als banal, so habe ich mich an „Kennst du das Land…“ gewagt (was Bine inzwischen am Telefon bewundert hat und ich auch Michael wiederholt aufsage). Susanne hat diesmal einen größeren Tisch bekommen und bereits als „unseren Arbeitsplatz“ vorbereitet! Jede kommt „mit Gepäck“. – Am Dienstag hatte ich (auf Winnis Empfehlung) nach über zwanzig Jahren einen Klavierstimmer hier. Es brauchte zwei Durchgänge und eine kleine Reparatur und hat 2 3/4 Stunden gedauert! Welche Atmosphäre da entsteht! Welch brillanten Anschlag er aus meinem Klavier hervorholt! Merkwürdig seine Schwerhörigkeit. Offenbar hört er nicht gut, aber fein nuonciert. – Nachmittags Herr Diemer. Die Behandlung hat mich diesmal in die frühen Jahre von Jakob und Simon getragen, noch mit Peter. Ich habe schwer „traumgearbeitet“. Als er zum anderen Fuß wechselte war ich plötzlich in der Zirkusmanege – ein Pferd (ob ich es war oder war ich nur dabei?), dessen Federschmuck auf dem Kopf wippte. – Besonderes Highligt: Aschermittwochsgottesdienst, zu dem ich mich schwer durchringen musste. Ich habe mich dann so wohl gefühlt, aus voller Brust mitgesungen, die Kirche voll, das Aschekreuz hat sich gut angefühlt – keinerlei Widerstand.

Zweiter Eintrag Samstag, 17.2.: Mein Lohengrin war gigantisch – von vorzeitigem Gehen keine Rede. Ähnlich meinem Opernbesuch mit Ines vor einiger Zeit ist mir kein Wort, kein Ton entgangen. Ich wusste nicht, dass Wagner auch unanstrengend sein kann. Überwältigende Musik, atemberaubender Gesang, tolles Bühnenbild, Kostüme – und wie so oft – kann man ein Ei über die profilsüchtige Kritik schlagen.

Am Freitag und Samstag keinerlei Vorhaben. Das heißt, dass ich meinem Lesedrang nichts entgegenzusetzen habe. Natürlich lese ich morgens, abends sowieso. Wenn ich aber nichts vorhabe, dann lese ich eigentlich die ganze Zeit, wenn ich nicht gerade esse oder schlafe. Im Moment betreibe ich anhand von „Mein verwundetes Herz“ und „Lillis Tochter“ Nachlese zum Literaturhaus mit Sunnyi Melles und Martin Doerry. Ansonsten arbeiten in mir die Schreibgruppen sowie Wilhelm Meister.

Wir indessen haben uns synchronisiert, was Essenbedürfnisse betrifft. Diesbezüglich eingeübt verzichten wir (nur zusammen oder gar nicht möglich) im Moment auf Zucker und Alkohol, nicht ohne für etwaige Rückfälle gerüstet zu sein. Dieses Weglassen ist ein profaner Vorgang ohne geistigen Aspekt – es verdient nicht das Wort „Fasten“. Zuckerentzug ist ein schwerwiegender Vorgang. Dem Suchtdruck begegnen wir mit einem Apfel. Michael schält ihn und mildert damit meine Abneigung gegen kalt und sauer durch Fürsorge ab. – Vieles, was noch zu tun wäre, liegt auf Eis. Keine Lust – die Luft ist einfach raus. Soll herumliegen, was keinen Platz hat.

Bine assoziierte zu meinem derzeitigen Kulturrausch den „Tanz auf dem Vulkan“. Kriegstreiberei und ein Vokabular, das uns Tag für Tag infiltriert, „einstimmt“. Mitten in den Auftakt der Sicherheitskonferenz „stirbt“ Nawalny. Ich bin erschüttert. Es kommt an wie eine Drohung.

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4 Antworten

  1. Beate sagt:

    Die Nachricht von Nawalny’s Tod ist erschütternd. Ein weiterer Schimmer Hoffnung auf eine Wende in naher Zukunft ist damit endgültig begraben.
    Dass ich bereits „im Alter“ angelangt bin, was meinen Zugang zum Digitalen angeht, habe ich schmerzlich in den letzten Jahren in der Landeszentrale erlebt. Ich war unglaublich beeindruckt, wie die 30Jahre jüngeren Kollegen damit arbeiten und in welchem Tempo, in welcher Bandbreite.
    Seit ich vor zwei Jahren in Bayreuth war, habe auch ich Wagner entdeckt.

  2. Renate sagt:

    Auf die Kritiken kann man wirklich nichts geben. 5 Stunden konzentriertes Zuhören ist eine stolze Leistung, noch dazu als Nicht-Wagnerianerin. Mich hat der Tod von Nawalny sehr betroffen und auch wütend gemacht. Mach es wie Ines vorgeschlagen hat und dünste die Äpfel, dann sind sie wenigstens warm. Apfelmus geht auch.

  3. Ines sagt:

    Über vieles haben wir gestern schon in der Gruppe gesprochen. Ich finde es rührend, dass Michael dir die Äpfel schält, so mütterlich. Tagsüber zu lesen kann ich nur, wenn ich krank bin. Ansonsten muss ich erst „fleißig“ sein bevor ich mich dem Lesen zuwende.

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