2024-03-10-Blüte, die vorüberzieht – Jahrestag – Chöre, Veehharfe, Vor-Lese+SchreibLeben – wenn alle Brünnlein fließen…

Dieses Jahr keine Trockenheitsprognose. Der Kirschbaum nebenan blüht. Ein besonderer Moment im Jahreslauf – Inbegriff von Vergänglichkeit.

Der letzte Sonntag ist überstanden. Eine Handvoll Menschen hat sich gemeldet, auch Olivier. So schön und wichtig für mich. Die letzte Gelegenheit, bei der ich insgeheim auf ein Zeichen von Gregor hoffe. Wiesehr er mich mit seiner „Tat“ an sich gefesselt hat, bekommt zunehmend in mir einen Beigeschmack von Missbräuchlichkeit. Die extreme Erinnerung, in alle Sinne eingebrannt – ist allein an ihn gebunden. Ein anderer war nicht dabei. Bin ich für den Rest meines Lebens zu dieser Verknüpfung verdammt?

Jetzt zwei Chöre. Als würde mein „Stammchor“ es aus Sorge ums Weiterbestehen spüren ging die Chorleiterin besonders auf mich ein. Tatsächlich war ich untreu: Montag „Singen macht Freude“ bei einer traurigen, ausgewanderten Russin. Nicht, dass die Dienstags-Chorleiterin nicht professionell wäre, aber sie ist alt und lässt die Zügel locker. Die Russin ist ehrgeizig, kann richtig was, wird sich „noch besser vorbereiten nach Analyse der ersten Probe“… Der Anspruch höher, die Gruppe ebenso klein mit neun Teilnehmenden, der Altersdurchschnitt zehn Jahre jünger, Ort ideal, Liedgut herrlich. Am Dienstag „musste“ ich nach halbstündiger Mittagspause gleich weiter zur Veehharfe. Etwas unterfordernd, wenngleich reizend, gleich in der ersten Stunde mehrstimmig Stub’nmusi zu praktizieren. Man lernt ohne Vorkenntnisse dieses Instrument zu handhaben und zu stimmen. Man könnte das ebensogut im Kindergarten oder Altenheim anbieten. Ein Vater hat sie für seinen Sohn mit Down-Syndrom entworfen. Geistig beeinträchtigt, aber hochmusikalisch konnte der sich an der Veehharfe verwirklichen. Momentan mache ich nicht weiter. Mir gefällt es aber, musikalische Gemeinschaften zu erleben, wie ich sie für die Zeit „danach“ erhofft hatte.

Am Donnerstag 5-er LeseLounge. Dreistündiger Onlinetreff zu fünft plus „Expertin“; reihum je fünf Minuten Vorlesen; jede TNin macht sich Notizen; hinterher rundum Feedback, das auf den Vorleseprozess, nicht auf den Inhalt zielt. Pause. Dann dasgleiche nochmal mit denselben oder anderen Texten. Wieder Feedback – im Vergleich zum ersten Durchgang. Mir ist jetzt bewusster, dass Vorlesen so charakteristisch ist wie Texte, die wir schreiben. Feedbacks vielfältig und differenziert.

Der Freitag gehört nicht der strahlenden Sonne. Ich ordne endgültig, was ich für meine Samstagsgruppe ausgebrütet habe. Danach wieder glücklich und zufrieden, „vertieft“. Was ich im Hospiz „gepflanzt“ habe, kommt mir jetzt als „Ernte“ zugute. – Brief an meine ausgeschiedene Teilnehmerin. Brief fürs Totengedenken der Ehrenamtler*, den Heike R. in der Gruppe vorliest. An Alle, v.a. an Martin, den Verstorbenen.

WhatsappVideo von Prof. Reilich: das rostig terracottafarbene, unterirdische Kunstwerk, plätschernd sprudelndes Aquädukt – „wenn alle Brünnlein fliehiehiehießen“. Der Neurologe hatte den seit Weihnachten währenden Suchvorgang nach dem ursächlichen Störungsherd mit ärztlicher Diagnostik verglichen, sich mit dem Installateur darüber sachverständig ausgetauscht. Kompliziert: Man kann keinen HeizRaum „betreten“, die Wohnung ist nicht unterkellert. Es geht ans Mauerwerk und den Boden.

Zum Sonntags-Workshop nehme ich eine Passage Tove Ditlevsen mit, mit Abständen und Schriftgröße 14. Nichtmal die Eltern haben darin eine abschließbare Schublade, wo also soll das Kind seine Wörter und Texte verstecken? Das Thema erinnert an Virginia Woolfs viel zitiertes „Zimmer für mich allein“. Ausgerechnet kam eine Schublade in einem Text am Samstag als Bild fürs eigene Geheimnis vor. – Den Weg heute wollte ich mit einem Spaziergang verbinden. Jetzt schaffe ich es zeitlich nicht mehr. Entschuldigung an den lieben Gott, dass ich meinen Körper und seine schöne Natur so außer Acht lasse! Jemand sagte mal: Zeitfragen sind Prioritätenfragen. – Für mich lese ich gerade Fosses Stücke: „Die Nacht singt ihre Lieder.“

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4 Antworten

  1. Beate sagt:

    Das sind mal wieder sehr spannende Themen ! Die Veeh- Harfe erinnert mich an das „Scheitholz“. ein Instrument, das meine Mutter an die Schülerinnen ihrer Musikgruppen verteilte, es sollte das erste Instrument sein, das sie lernen (bloß nicht die Blockflöte…), as war noch simpler zu spielen
    Auch wünsche ich Dir viel Freude im Chor ! verstehe ich es richtig, dass die ehrgeizige Russin dir besser liegt?und wie schön, dass Du jetzt die Ernte deines Berufs einfährst, ich fühle es ähnlich mit den Planspielen! Jon Fosse hat mich tief beeindruckt, ich will immer wissen, ob mich die Literatur der Nobelpreisträger erreicht. Die Stücke im Band „ich bin der Wind“ – da stand ich bei der Lektüre vor der wichtigsten Lebensfrage, dem Tod .

  2. Ines sagt:

    Was du an literarischen und musikalischen Unternehmungen machst, hört ist wirklich viel und entspricht deinen Neigungen und Fähigkeiten. Scheinbar kann es dir gar nicht zu viel werden. Meine Prioritäten liegen gerade ganz woanders, das schreibe ich gleich in meinen Beitrag. Dieses Online Vorlesen wäre nichts für mich. Was Gregor damals für dich getan hat, hätte niemand anderes gekonnt. Ich wünschte, du könntest diese Tat unabhängig von seinem späteren Verhalten, dankbar in dir bewahren.

    • Heike sagt:

      Liebe Ines, was du schreibst, das sagt der Verstand. Bei sowas spielt dieser aber nicht die geringste Rolle. Ich glaube, ohne etwas „Böses“ sagen zu wollen, dass du keinerlei Vorstellung hast, was sich da in mir abspielt und wie sich das Erlebte innerlich umwandelt und mich zutiefst beschmutzt. Und ich widerspreche ausdrücklich: natürlich hätten die Versorgung die Profis vor Ort mit mir gemacht – so, wie das bei allen anderen Trauernden, wenn sie es denn wünschen oder brauchen, auch gemacht wird.

  3. Renate sagt:

    Chorsingen und Lesen, nun auch Vorlesen füllen dich so sehr aus. Deine Texte gespickt mit Literaturhinweisen. Selbst das tropfende, rostige Rohr wird musikalisch beschrieben, was dem Drama die Schärfe nimmt.

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