Der „Stiefel“, Arnstadt und der große Michel
der „Stiefel“ und mehr noch mein Fuß, der öfter weh tat, bestimmte mehr als mir lieb war den Alltag in den letzten zwei Wochen. Der Stiefel bedeutete ein ständiges Humpeln, ein unangenehmes Gefühl in der Hüfte, im Knie. Was jedoch für mich besonders neu war: ich war viel verstimmt. Ich hätte nicht gedacht, in welch hohem Maß die morgendlichen Spaziergänge, die langen Spaziergänge meine Stimmung beeinflussen. Ich bin so froh, dass ich wieder gehen kann! Was mir aber sehr half war, dass ich in diesen sechs Wochen zweimal in Sachen Planspiele unterwegs war, tagsüber die meiste Zeit den Fuß auf einen Stuhl hoch legen konnte und dass ich abgelenkt war durch das Arbeiten mit der Gruppe. In der letzten Woche war ich in Arnstadt (Thüringen). Fünf Gruppen, an jedem Tag eine. Gerade hier ein besonders sensibles Thema: Die meisten Schülerinnen und Schüler erzählten bei der Vorstellungsrunde von ihren Verwandten, die über ihr Schicksal in der DDR-Zeit zuhause reden.Jeder Schüler bekommt während des Planspiels eine Rolle zugeteilt. Eine Schülerin meinte, ihre Rolle entspräche genau dem, was ihr Vater von seiner Zeit als junger Mann erzählt, von der Zeit in der NVA, dass er seinen Studienplatz zugeteilt bekam (er hätte gerne etwas anderes studiert), dass er politische Karriere machte und damit in dem volkseigenen Betrieb in jungen Jahren schon eine führende Rolle innehatte usw.. Am letzten Tag hatte ich ein Erlebnis, das sich erst sehr gut anfühlte und schließlich erlebte ich einen richtigen Absturz. Die Gruppe war sehr heterogen, mit einer Polin, drei Deutschen und zwei Mädchen aus der Ukraine. Es entstand in der Vorstellungsrunde ein Gespräch über eventuelle Vorkenntnisse. Die Polin übersetzte das, was die beiden Ukrainerinnen in russischer Sprache erzählten. Eine von beiden wollte nicht reden, was natürlich voll okay gewesen wäre, aber sie hatte sich soweit geäußert, dass sie aus dem Osten der Ukraine kam und dass sie fände, ein großes Land brauche einen starken Herrscher, um kurz darauf die Hand auf den Mund zu legen und den Kopf zu schütteln. Sie verabschiedete sich wegen eines Arzttermins, ging zu ihrer Tante, die in Arnstadt Ärztin ist und weinte bei ihr wohl sehr. Die anderen in der Gruppe meinten, die Vorstellungsrunde hätte ihnen sehr gut gefallen, in ihrer Klasse kennten sich die wenigsten, für einen Austausch, woher man kommt, gäbe es keine Zeit. Die Tante von Anastasia schrieb der Direktorin der Schule, dass es Anastasia sehr schlecht ginge und all das, was in der E-Mail stand, war für die Direktorin und auch für mich sehr kryptisch. Die Direktorin meinte, sie werde nach den Ferien versuchen, das Ganze aufzuklären. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und es tat mir für Anastasia auch sehr leid, kann mir aber bis heute keinen Reim machen Dass ein Planspiel, das den Teilnehmer*innen Strukturen in einer Diktatur nahebringen soll, immer wieder Glatteis bedeutet, ist klar. Aber Anastasias verstörte Reaktion hängt mir sehr nach.
Wieder daheim hatte ich einen sehr schönen Abend: Tonie lud mich und Sirena auf ihr Geburtstagsfest ein. In der sehr coolen Kongressbar wurde gefeiert, hervorragendes Essen serviert und getanzt. Ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen aus dem Ruffini waren da, ihre Familie, die Familie ihres unglaublich netten Lebenspartners – und Michel, ihr Sohn. Die vielen Reisen mit Alina, Tonie und Michel nach Pergine, Ligurien, Sardinien liegen so viele Jahre zurück, die Kinder waren noch klein. Jetzt sah ich Michel nach gut 15 Jahren wieder. Wie schön!
Die Sache mit Arnstadt ist sehr beeindruckend, auch belastend und tiefgreifend und äußerst anspruchsvoll – wir haben sie gerade eingehend besprochen. Ich habe – bei anderer Thematik – Parallelen zu Schuleinsätzen (z.B. zu sexullem Missbrauch, Konfliktschlichtung; später zu Tod und Trauer) im Rahmen meines Berufs entdeckt. – Dass Toni im Ruffini gearbeitet hat wusste ich nicht (mehr?). Auch dass du soooo viel spazieren gehst! Kürzlich die Frage beim Schreiben: Kann man Sansftmut lernen? Kann man Spazierengehen lernen?