2024-06-08- Un-Juni: regen-bogen-wolken-reich + Fluten – Kaffeeklatsch – japanisches Teehaus – literarisch in der Natur
Meine Woche habe ich mit Umstrukturierung und Aufräumen meiner umfangreichen Schreib- und Lesedateien verbracht, was sich erst noch bewähren muss. Abgesehen von wenigen „Ereignissen“ hat mein Leseleben alles andere dominiert.
Letzten Sonntag grauer Himmel, Regengüsse. Keinerlei Junigefühl. Ratlosigkeit. Beate und ich aber holen – Lichtblick! – unseren Kaffeeklatsch mit gemütlichem Füßekraulen und Kurzgeschichte von Flannery o’Connor nach. – Am Montag aus Trübsinn den Chor vergessen! – Bei Rettungsarbeiten ließ ein Feuerwehrmann sein Leben, ein anderer wird vermisst! Ein schwer mitgenommener Einsatzleiter sagte: „Die Seele ist belegt, aber wir müssen unsere Arbeit weitermachen.“ Einem Mann versagte die Stimme: Sie seien vor einem Monat in ihr neues Haus eingezogen! Hier überschneidet sich die materielle Welt, die schnöde Habe, mit dem Existenziellem, den basalsten Bedürfnissen. Womöglich lebenslang jeden Cent zusammengekratzt, als Erbe gedacht? Der Traum versinkt in den Fluten. Wie dankbar müssen wir sein, nicht evakuiert zu werden Richtung Turnhalle oder Legoland! – Dienstag. Endlich wieder weiß-blau. Ich Stubenhockerin schwinge mich (wir uns) auf. Hochufer – die Isar weit über die Ufer getreten, Brücken gesperrt. Frohe Hunde springen, Wasser tost, Vögel schmettern ihre Lieder. – Mittwoch Punkt 15:00, synchron mit Bine, erfolgreiche Jagd auf Onlinekarten fürs Freiluft-Theater „AufBruch“ in Tegel. Dreigroschenoper im Gefängnishof zu Bedingungen, die mich noch lebhaft „betreffen“, wird DAS Highlight meines Berlinbesuchs! Die Kommunikation mit Jakob derzeit so sperrig, dass es jedesmal zu Reibung kommt, egal, worum es geht. – Samstag japanisches Teehaus mit Teezeremonie über die DJG. Eine Stunde schien sich zu zweien zu dehnen. Ein zauberhafter Ort, eine faszinierend-quälende Zeremonie; endlich habe ich das erlebt – nachdem das Teehaus seit einem halben Jahrhundert existiert. Grässliche, abgewrackte Szenen in den Trambahnen. Dagegen kam im Engl. Garten eine Dame auf mich zu: sicher sei ich unterwegs zum Teehaus? – Abends regelmäßig gewaltige Wolkenformationen, es leuchtet. Dann suche ich die Regenbögen – herrlich. –
Nach ziellosem Herumlesen für ein Mitbringsel der Poesietherapietagung 2022 entschieden: „Naturerscheinungen – Sprachlandschaften des Nature Writing“ vom Philosophen Jürgen Goldstein, der dort referiert hatte. Immer wieder war etwas zwischen das Buch und mich gekommen, nur den Anfang hatte ich intus. Hundert Seiten überspringend habe ich angeknüpft, wo wegweisende Autoren vorgestellt werden. Wie so oft (u.a. bei Auster) begegnet mir Thoreau. (Für „Haus, zu Hause, Wohnung“ finde ich hier meinen Potpourribeitrag!). Allen Beispielen liegen Erfahrungen zugrunde, die aber nicht den Anspruch auf faktenbasierte Forschung erheben; viele weisen ins Transzendente, Spirituelle, Mystische. Thoreau haust (1844) zwei Jahre am Waldensee („der Erde Auge“) nahe seiner Heimatstadt Concord, dem „Weimar der neuen Welt“. Muirs 1000 Meilen-Wanderschaft (1867) führt ihn zum „Himmelslicht„, nachdem er 28-jährig beinahe erblindet wäre. Shephard besteigt (1928) Berge und lauscht dem Wasser auf dem Tao-Weg. „Der Wüstenanarchist“ Abbey erfährt (1956) die „Gleichgültigkeit der Natur“ in der rot-steinernen Wüste Arizonas. Baker folgt zehn Jahre (bis 1967) dem Wanderfalken, wird Falke, wird Beute. Dillard verbringt 1972 ein Jahr am Fluss Tinker Creek in Virginia, „ein bewegtes Gleichnis„. Viele eint, dass sie zuvor schwer erkrankt waren, krank sind oder – wie Thoreau – einen Verlust erlitten haben (den geliebten Bruder) – also existentielle Grenzerfahrungen. Ebenso teilen sie ein Entsetzen über den Kapitalismus, die Industrialisierung und den rücksichtslos einsetzenden Tourismus. Thoreau, Vater des „Aufrufs zum zivilen Ungehorsam„, gibt das Vorbild für „ein meteorologisches Tagebuch der Seele“, Sehen zu lernen und Beobachtung zu verbalisieren. Auf Nebenwegen, nicht dem Nature Writing zuzuordnen, kommen Humboldts Stimmen der Natur zu Wort, Korrespondenz“minis“ mit Schiller und Darwin; Fabre mit seinem berückenden „deep mapping“ (einjährige Beobachtung eines einzigen Quadratmeters in der Bergen von Tennessee), Werner Herzogs (magisches) „Vom Gehen im Eis“ bis hin zu einer köstlichen Passage „Beim Betrachten des Moosgartens“ von Poschmann. – Ich bin hingerissen. Jetzt ist Thoreaus Roman Walden dran. – Gleichzeitig beschleichen mich Zweifel, wenn ich bedenke, wie wenig ich mich selbst leibhaftig zur Natur verführen lasse.
Der Abend bei Dir war für mich ein Trost! ich mag die idyllischen Stunden mit Tee und Kuchen, vertrautem Füße kraulen und aus Büchern vorlesen. Eine Geschichte, die wir beide abgründiger erwartet hatten…
Das ganze Ausmaß des vielen Regens in Deutschland hab ich gar nicht mitbekommen. Ja, wir können dankbar sein, dass wir nicht unser Heim verloren haben. Aufräumen von Dateien ist etwas, was ich nie mache. Insofern Bewunderung meinerseits. Die Teezeremonie musst du mal genauer erzählen, faszinierend und quälend gleichzeitig klingt interessant.