Straßenbahn- und Teenie – Geschichten

Am liebsten setze ich mich in die Straßenbahn oder den Bus, um von A nach B zu kommen. Neulich waren- wie derzeit so oft-  alle Plätze besetzt. Ein altes Ehepaar stieg ein und bat die Frau in der ersten Reihe, für sie Platz zu machen.. Die aber entgegnete nur schnippisch: „Haben Sie einen Schwerbehindertenausweis? den will ich erst mal sehen!“ Danach zeterte sie über Leute, die keinen Ausweis haben und Einem den Platz wegnehmen wollen, mit jedem Satz wurde sie lautstark ausfallender. Ich reagierte spontan, bot mit meinem Sitznachbarn zusammen die Plätze an und erfuhr, dass die beiden weit über 80 Jahre alt waren, die Frau war blind, der Mann sehr gebrechlich. Und beide strahlten eine Gelassenheit aus, die ich schier bewunderte. Die Frau meinte, sie seien sehr froh, dass sie überhaupt noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können und dass sie, ganz klar, über einen Schwerbehindertenausweis verfügen, aber wie soll man den denn zeigen, wenn man so barsch angesprochen wird?

Eine andere Fahrt, wieder in der vollen Straßenbahn. In einer Zweierbank saß ein Obdachloser in meinem Alter mit unzähligen Plastiktüten auf dem Weg ins Lehel. Ich fragte, ob ich neben ihm Platz nehmen kann, er stapelte die Tüten auf seinem Schoß. Bis ich ausstieg, hatten wir ein angeregtes Gespräch über den Klimawandel, rabiate Bus- und Straßenbahnfahrer, die so scharf um die Ecken biegen, dass man froh sein kann, wenn man einen Sitzplatz ergattert hat, und auch darüber, daß ihn wohl viele Leute mit seiner kritischen Sicht auf das Weltgeschehen nicht ernst nehmen, weil er offensichtlich von Armut gezeichnet ist.

Auch die, die nicht von Armut gezeichnet sind, trifft das Weltgeschehen. Ich lese derzeit ein sehr gutes Buch von Julia Berghofer, „Der neue Kalte Krieg“, eine nüchterne Analyse der neuen Bedrohungen zusätzlich der  von Atomwaffen.

Janni kam mal wieder nachts nicht nach Hause. Sie hatte um 1 Uhr geschrieben, sie setze sich bald in den Nachtbus. Dann war sie nicht da, nicht um 4, als ich aufs Klo musste, nicht um 5, als ich mir wegen einem Hustenanfall einen Tee aufbrühte. Um 5.30h schrieb ich ihr, ich fahre jetzt zu Paula, wenn sie auch nicht weiß, wo du bist, warte ich nur kurz, bis ich die Polizei rufe, denn ich hab langsam Angst um Dich. Paula wohnt mitten in Sendling in einem Niemandsland inmitten eines Wäldchens. Klingel fand ich keine, also öffnete ich die Tür, die nicht verschlossen war und trat in ein großes Grundstück ein, in dem drei niedrige Häuser stehen. Auch da nirgendwo eine Klingel. Ich ging von Haus zu Haus und klopfte an die Scheiben. Als ich schon unverrichteter Dinge wieder gehen wollte, stand er ein paar Meter vor mir. Paulas Vater. Stand einfach da und schaute in meine Richtung. Wie eine Statue.Ich entschuldigte mich für mein Eindringen, er ging mit mir wortlos und ohne eine Miene zu verziehen in das zweite Haus und rief seine Tochter. Paula war, wie immer, superhöflich und meinte, sie sei um 12 h heimgefahren, aber Janni hätte noch bleiben wollen. Sie gab mir die Adresse von Vassiliki. einer weiteren Freundin von Janni, die vielleicht was Genaueres weiß….. Als ich wieder im Auto saß, hatte Janni geschrieben. „Alles gut! Komme später!“ Später war am Nachmittag, für den  hatte ihr versprochen, ihr und ihren Freundinnen Schnitzel zu backen. Die Sorgen der Nacht waren großer Erleichterung gewichen. Dann kamen die Mädels wie verabredet, bevölkerten den Balkon,, rauchten drei Schachteln Marlboro und aßen die Schnitzel, die ich in vier großen Pfannen zubereitet hatte, ratzeputz auf. Als ich am späten Abend dann vom Sommerfest im Isartor zurückkam, waren alle fröhlich und bedankten sich für das gute Mahl. Es waren richtig gute „Vibs“ in der Wohnung, und auch gerade weil ich nicht selber auf dem Balkon hatte sitzen wollen, sondern das Fest im Isartor geplant hatte, partizipierte ich nach meiner Rückkehr von der guten Stimmung, der Lebendigkeit, davon, dass Janni‘ s Freundinnen sich bei mir wohl fühlen. Wie ist es doch immer anders, in die leere Wohnung zurück zu kommen – nicht besser, nicht schlechter, aber eben ganz anders!

Gerade vor dem Hintergrund, dass Janni’s Zeit bei mir begrenzt ist und sie im Herbst wieder zu Sirena nach Hause ziehen wird, bin ich anlässlich des nahen Abschieds fast wehmütig. Der hat äußere Gründe: Janni geht ab Herbst wieder auf die Schule und Sirena’s Abordnung nach Amberg endet im September. …und innere Gründe: Das Kind gehört nach Hause und ihre Mutter vermisste sie schmerzlich, obwohl der Abstand für beide gut und heilsam war.

 

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2 Kommentare

  1. Heike sagt:

    Deine Trambahngeschichten sind anders als meine, aber auch ich könnte regelmäßig dazu bloggen. Heute: ein altes Mütterchen wollte den Platz neben einer jungen Frau, die machte sich breit und wies auf Plätze hinter sich. Ließ sich aber erweichen, als die Alte sagte, sie käme schlecht hoch und noch schlechter runter. – Bei Janni würde mich eher Wut als Sorge packen. Herrliche Belohnungen für die ganze Angelegenheit! Nicht leicht, heimzukehren, wo es dann Grenzen und zwangsläufig die notwendigen Konflikte geben wird.

  2. Ines sagt:

    Ich finde es erstaunlich, wie großzügig und nachsichtig du gegenüber Janni bist. Ich glaube bei mir würde sich nach den Sorgen auch der Ärger melden. Ich hoffe, Janni hat verstanden, dass sie das nächste Mal nicht wegbleibt, ohne dich zu informieren. Mit Obdachlosen in der Tram sprechen finde ich auch enorm. Ich weiche denen meist aus, schon allein wegen des Geruchs. Aber klar sind es Menschen und sie haben auch eine Würde.

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