2024-07-13- Schreiben&Resonanz – Ligeti/ Susanne – Tribeca/Marina – Mindelheim/Gisela – Morgenstern/Beate – Japangarten/Renate – medizinisch+literarisch

Immer will ich schreiben. Immer in Resonanz. Soweit, dass ich mir eine Kitty fantasiere, bin ich noch nicht. Die letzten Tage waren geprägt vom Suchen nach Worten und daraus gewonnener Erkenntnis. So gestaltet sich auch die Korrespondenz mit Markus‘ Schwester. Ich glaubte, ihr würde es zuviel, aber da war sie enttäuscht, sagte, soviel bewege das in ihr, soviele Fragen und Erinnerungen… Übers Schreiben ellenlanger Whatsapps öffnen und erhellen sich Räume, die lange Zeit im Dunkeln lagen. Mir ist bewusst, dass ich diese mit einer Todkranken betrete; ich erinnere mich ans Schreiben mit Frau M., woraus das Büchlein „Liebe Sarah“ wurde. Auch das betraf uns am Ende beide. Meine Rolle hatte ich vorher in dem Ausmaß nicht erahnt. Heute geht es um „gemeinsame“ Lebensräume (M. hat als Kind und später in Gern gewohnt; zwischendurch am Starnberger See; dieselben Orte; ihre Familie auch mit uns verbunden; wir schreiben über Kinder, damalige Dozenten, den Geschmack bestimmter Kuchen in „unseren“ Cafés). Inzwischen haben wir – unfassbar – gemeinsame Menschen aufgespürt! Wenn sie mal nicht schreibt streift mich die Sorge, es könnte bergab gehen. Sie hat mich gegoogelt; reflektiert daran ihr eigenes (Berufs-)Leben.

Sonntag: Ligeti-Oper mit Susanne – ein Experiment, das ich ohne sie nie gemacht hätte! Gut vorbereitet ging es prima. Kent Nagano, der Hupen, Rülpser, Hickser, Koloraturen und andere Geräuschexperimente dirigierte – ein Tonmix, unvorstellbar zu musizieren und nochmehr, zu singen. Danach Vapiano. – Montag unterwegs zum letzten Singen dieses Semesters Whatsapp der Exkollegin Marina, ob ich Zeit habe. Warum nicht? Lebhafte Sitzung im Tribeca. – Leerräume, bewusst eingeplant, füllen sich von selbst. – Mittwoch lang gestundeter Besuch in Mindelheim bei einer Teilnehmerin meines ehemaligen Schreibcafés. Einen glaubhaft lebensfroheren Menschen kenne ich nicht – bis hin zum Umgang mit rezidivierender Krebserkrankung: bodenständig, unkompliziert, unprätentiös, uneitel; eine nie gesehene Art zu leben. Einblick in eine ungewöhnliche, in gewisser Hinsicht vorbildliche Lebensgestaltung. Ästhetik und Feingeist stehen dabei nicht im Vordergrund. – Im Anschluss MorgensternAbend in wunderschönem Salon im Künstlerhaus mit bzw durch Beate. Daran, wie ich sowas heute wahrnehme, erkenne ich meine eigene Veränderung – realisiere staunend, wieviel Arbeit, Fantasie, Musikalität, Witz und Können in dieser Art der genial rhythmisierten Vertonung liegt. Im Publikum überproportional unsere Generation+ vertreten. Eltern aus Fabians Kindergartenzeit erkannt ohne Neigung, näherzutreten. Mangels anderen Gesprächsstoffs nach vierzig Jahren bliebe einzig die Frage: und was macht dein Sohn jetzt so? Da damals niemand so verrückt jung war wie ich sind andere jetzt Greisinnen mit gebeugten Rücken. – Donnerstag wieder Blutabnahme. Was bekomme ich nicht alles an Röhrchen und Döschen! Lungenfunktion kommt noch. Magen-Darmspiegelung. Will ich das alles überhaupt? – Endlich nochmal mein Zimmer umgeräumt – das Bett wieder so, dass die Tür nicht ganz aufgeht: Ich sehe wieder – ganz wichtig – WolkenHimmel incl. Baumspitzen und Dachgiebeln. Und eine Kommode zusätzlich! – Samstag über die DJG Führung eines 88-jährigen Herrn durch seinen Japangarten in Tutzing, mit und an dem er seit vierzig Jahren wächst (und umgekehrt, wie er sagt) – beeindruckend! Renate, mit der ich vor Unzeiten Kalligrafie zeichnen wollte, die bekanntlich Reduktion und Zen liebt – die einzig wahre Partnerin für dieses Vorhaben. Danach von dort bis Feldafing spaziert – mit Kaffeetrinken am über die Ufer getretenen See. Bänke, auf denen ich gern schmerzende Hüften und Füße ausgespannt hätte, standen im Wasser, andere nass. Umgestürzte Bäume vom gestrigen Sturm, Eishaufen mit Hagelkörnern am Wegrand in Tutzing. Schlender durchs Feldafing meiner Kindheit und zwei Kirchen.

Im Nachgang zu Rebecca Horn Genets „Tagebuch eines Diebes“ recherchiert. Zu krass – Einhorn hin oder her – das kann ich nicht lesen! – Mit Pamuk streiche ich die Segel auf halber Strecke – immer dasgleiche – mir vergeht noch die Lust am „Trost der Dinge“!

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Beeindruckend, wie viele kulturellen und soziale Verabredungen in deine Woche passen. Und dann noch Zimmer umräumen und Arzttermine. Diese nie gesehene und vorbildliche Art der Lebensgestaltung der Mindelheimerin interessiert mich. Hast du die Schwester von Markus inzwischen besucht? Es ist wirklich berührend, was da zwischen euch passiert vor dem Hintergrund, dass sie diese Welt bald verlässt.

    • Heike sagt:

      Du hast recht zu Ersterem: JETZT ist ja erstmals seit der Jugend undendlich Kapazität für diese Dinge vorhanden; am schönsten ist die sozial-kulturelle Verbindung! Die Grenze ist jetzt innerlich (Fassungsvermögen, Müdigkeit), nicht mehr äußerlich (keine Zeit, genug Input durch Geschichten der Menschen im Beruf). Würde mir nicht alles wehtun würde ich noch entsprechende, maßgeschneiderte kulturell-literarische Wandergruppen aus der Taufe heben – aber so wandere ich hauptsächlich im Geiste.

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