2024-12-28- Weihnachtliche Bilanz bei quälendem Kirchgang, trotz erfreulicher Begegnungen + erinnerungsträchtiger Alexanderschlacht
Wie immer, wenn ich nicht gleich „mitschreibe“, ist erstmal alles weg. – Backen und Schreiben hinter mir. Jetzt erfreue ich mich meinerseits an gehaltvoller Post. Am Vorweihnachtstag stand überraschend – wie früher!! – eine ehemalige Kindergärtnerin vor der Tür, der ich geschrieben hatte, weil ihr Mann gestorben war (treuer „Anhänger“ durchs Hospiz!). Sie bedankte sich mit … Plätzchen. Leider habe ich vergessen, sie auf die Kürbislampen ihres verstorbenen Vaters aufmerksam zu machen. – Am Abend allein Resi – Anne Marie… – Yasmina Reza. Beeindruckend von Robert Dölle gespielter Monolog, allerdings gibt mir so ein zeitgenössischer Text auf der Bühne wenig. – Weihnachten zu zweit. Michael kopf- und rückengeschädigt. Unspektakulär, etwas profan. Essen diesmal etwas reduziert, weil spät dran mit Besorgungen; Knödel, aber keine Ente; Kartoffelsalat, aber kein Fisch. Zuletzt dann doch einiges ergattert. Allein zum Friedhof: Weihnachtslieder um 15:30; Kerzen anzünden, räuchern. Als mir eben bewusst wurde, dass ich diesmal niemanden getroffen habe, kreuzte am Ausgang Philipp meinen Weg, Simons Mitschüler, der in der Pubertät psychisch erkrankte und jahrelang nicht zur Schule gehen konnte, ein liebenswerter „Junge“, mit Mutter und Schwester. Sein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Sie waren damals im Hospiz zum „Herantasten“, dann aber gelang häusliche Versorgung. Ausgiebiges Gespräch im Stehen. Danach daheim drohten wir zu versanden. Michael fand es schön, aber mir hat was gefehlt. Für mich wäre er mit zur Kirche gegangen, aber so will ich das nicht, wollte dann selber nicht richtig, habe die „schönen Kirchen“ vertrödelt und mich auf den letzten Drücker zu Laurentius durchgerungen. Das war öde, quälend, die Kirche (an Weihnachten!) nur ein Drittel gefüllt (das empfinden also andere genauso?!). Ich wäre geflohen, hätte ich nicht schon Erkennungszeichen bekommen, Winken, Lächeln. So habe ich’s mit Widerstand durchgestanden bis hin zum nicht endenden, piepsstimmigen Evangelium einer anderen Kindergärtnerin (in deren Haus am Chiemsee wir früher oft Ferien gemacht haben). Grausam. Den Pfarrer mag ich nicht. Herrn Wilmsen hat gefehlt. Dafür blieb ich hinterher beim Glühwein stehen, den ich jahrzehntelang gemieden habe: ins Gespräch gekommen mit jemandem, mit dessen Frau und deren Geliebter ich 1997 in Taizé war, die nach sechs Kindern lesbisch wurde; mit der ich 2002 in USA war (schrecklich!). Mit ihm – der ehrenamtlich an Obdachlose Essen verteilt (so auch am 1. Weihnachtsfeiertag – „komm doch mit…!“) – der 17 Enkelkinder und eine neue Partnerin hat; dann mit dem Scholasänger, der (singenden) Erzieherin, einer Ehrenamtlichen aus dem ambulanten Hospiz. So kam ich letztlich zufrieden heim. Michi schlief schon. – Am 1. Feiertag Kapuzinerhölzl. – Nette Whatsapps – ich möchte diesen Kommunikationsweg niemals missen. Für viele zählt das gar nicht richtig, warum eigentlich? Eine Ex-Schreibgruppenteilnehmerin. Corni. Emilian. Conny, Fabians Ex! Philipp: er habe kürzlich Altdorfers Alexanderschlacht angeschaut. Ob ich wüsste, dass er sein allererstes Referat dazu gemeinsam mit Simon gehalten hat? Dass er am Friedhof immer bei ihm vorbeischaut? Vielleicht würden wir uns ja einmal begegnen, oder wollten wir auf einen Kaffee gehen? (Inzwischen hat er das konkretisiert, was mich echt freut). Seine Mutter war irgendwie an der Geburt meiner Lesegruppe beteiligt, fällt mir gerade ein; sie hatte mich nach dem Tod ihres Mannes mehrmals nach sowas gefragt, will immer lesen und schreiben – dann aber kommt es nie dazu. Ausgerechnet nach dieser Korrespondenz schlägt Michi aus heiterem Himmel die Alte Pinakothek vor! Also Altdorfer und Rachel Ruysch. Rückweg durch den Olympiapark. Kaum daheim fragt Lily, ob ich vorbeischauen mag – diesmal recht nett mit der Kleinfamilie. – Alles aber kann nur vorübergehend über meine traurige Lebensbilanz hinwegtäuschen. Ich hänge durch – es wird Zeit für Sinn – schreibend, lesend, in Gruppe. Das hilft. Nur das. Eigentlich hatte ich ja bewusst den Kalender unbestückt gelassen – das kommt dabei raus! Muss ich mir bzw den Tatsachen mal ins Auge sehen? Was ist mir denn überhaupt geblieben? Was, wenn ich wirklich hin-schaue, was dann?! Wäschewaschen muss ich außerdem – obwohl das in den Rauhnächten tabu ist – arme Seelen könnten sich verfangen! Ganz schlecht… Zu allem Überfluss habe ich einen Tippfehler im Weihnachtstextlein – bei jedem 9. Exemplar fehlt im Himmel ein „m“ – Gott, wie peinlich. Grübeln, wen es erwischt haben könnte – bitte um Gnade!
Eine traurige Lebensbilanz, das würde ich dir nicht zuschreiben. Du verallgemeinerst das momentane Durchhängen fälschlicherweise auf dein ganzes Leben. Ich finde es beneidenswert, wie eingebettet du in dein Wohnviertel bist, fast dörflich, wem du alles begegnest. So viele Menschen kennen dich und möchten mit dir zu tun haben.
Für mich ist Weihnachten auch ein Fixpunkt für die Jahresbilanz. Wie stehe ich da, mit welchem Empfinden, in der Welt aufgehoben zu sein? Das Bild der Geburt Christi in der Weltzeit eine Zäsur, in der eigenen Geschichte eine Bilanz. Das will. gefeiert werden, auch wegen dem höchsten Gut, das wir haben- dem auf der Welt zu sein. Und daneben der Schmerz, gefühlt wie durch ein Brennglas, der uns begleitet, wegen dem was wir verloren haben, wegen dem, was wir vermissen. Aber was Du von Deinen Begegnungen nach dem Kirchgang schreibst: da ist es wieder, das Eingebunden sein unter Mitmenschen! Joy to the world…
Natürlich ist es dein ganz eigenes Empfinden, wenn du von einer traurigen Lebensbilanz schreibst. Ich kann das, wenn ich auf dein Leben schaue, nicht sehen. Es ist die Frage was zu einem gelingenden Leben gehört, was für dich deine Lebensbilanz anreichern könnte.