2025-09-06- Beste Kultur per Glotze – Badeausflüge – Michael in Hamburg – Christine verstorben – Beatrix, bedrückende Peergruppe, Fabian und die Frage: Gibt es ein Leseleben nach O.M. Graf?
Weiterhin versumpfe ich abends oft vor der Glotze. Folge um Folge über Künstler wie Robert de Niro oder Dolly Parton (so interessant!), Doko-Reihe über Gefängnisse, „normalen“, offenen- oder Jugendstrafvollzug, Sicherungsverwahrung mit den Verleugnern („dann kam das Messer“, eigentlich war es der andere oder die Kinder wollten das auch). Von einsichtigen Menschen bis hin zu unverschämten Schmarotzern, die nicht einsehen, warum sie arbeiten sollen – wenn der Staat sie abwegiger Weise als „gefährlich“ festhalte solle er gefälligst auch zahlen. Ein „Senior“, der sich draußen keine Wohnung leisten könnte, hofft zu bleiben bis zum Ende – er habe alles und es fehle ihm an nichts. Einer sagte, vielleicht noch zwei-, dreimal wöchentlich eine Frau, es könne auch die eigene sein. – Sonntag früh raus an die Luft. Die S-Bahn endet an der Donnersberger, alternativ Schliersee? Zug rettungslos überfüllt; also Steinebach, Wörthsee. Für mich nicht der „schönste“, kein Bergblick, wenig „Schutz“, aber angenehmes Wasser, dolle Wolken. Trügerisch die kleinen Kiesel, die schnell in dicke übergehen – brutal schmerzhaft! Auf dem Heimweg von Pasing über Dichterwege (Hesse, (Bergengruen und Storm) entlang der Würm zur Blutenburg. Jetzt duftet’s aus der Küche, gleich deckt-sich-das-Tischlein.
Montag Starnberger See. Das Wasser frisch und glatt, die Bergkette wie gemalt, atemberaubender Spätsommer. Bei der Rückfahrt geht die Labsal gleich flöten. Eine gefühlt 20-köpfige Bagage brotzeitet am Hauptbahnhof. Mütter, die zahlreichen Kindern irgendetwas in den Mund schmieren, anderen 1-2-Jährigen die Versorgung mit Bananen und Obst selbst überlassen; Mütter, die Schwestern sein konnten; die Frau am Obststand schreit wiederholt „nicht anfassen“, denn einige bedienen sich selbst, den Müttern ist es egal, ein Kleinstkind läuft immer wieder auf die Schienen, wird am Kragen zurückgezerrt; keifende Mütter, die den Abfall unter die Sitzbank werfen. Unmöglich, Mitgefühl, Respekt oder Toleranz zu empfinden. Von diesem Eindruck wie erschlagen. – Anruf aus Heldenstein. Christine, die Frau von Peters Cousin, Ottos und Ottis Schwiegertochter, ist gestorben nach elf Jahren Dialyse. Es klang schon vor Wochen kritisch; drei Reanimationen, sechs Wochen Intensiv. Sie wurde 57. Jakob und ich erschüttert. Eine warmherzige Frau, Mutter zweier Söhne, die ihr Schicksal bewundernswert getragen hat. Jetzt soll man statt Blumen für Organtransplantation spenden, obwohl sie elf Jahre vergeblich auf eine Niere gehofft hatte. Muss wohl sein, auch wenn ich ausgeprägte Transplantationsskeptikerin bin.
Dienstag See, zur Vermeidung des Schotterweges mit Bus von Starnberg aus. – Mittwoch trüb. Treffen mit Beatrix. Wegen Überfüllung im Café Jasmin auf Brotmanufaktur Schmidt umgestiegen – ausgezeichneteTorte (!) und ebensolches Gespräch. Am Nebentisch meine Ex-Nachbarin aus der Schleißheimer Straße von 1980-82, inzwischen 80-jährig, nur zwölf Jahre älter als ich! Wie kam sie mir damals schon alt und spießig vor! Diese Wohnung suche ich heute noch in meinen Träumen auf.
Donnerstag allein zum See, ungewohnt für mich, leicht amputiert. Michael räumt das Feld, weil wir die Peergruppe zu mir verlegt haben. Er fährt für 1,5 Tage nach Hamburg. – Abends zugunsten einer Vernissage von Benelisa Rosenstammtisch abgesagt, lasse dann aber beides sausen und genieße Ruhe.
Freitag früh im Bett die letzten Kapitel O.M. Graf. Was kann auf so ein Buch folgen?! Es endet in Tiflis. Ganz in Gedanken bei der Mutter, diese Stadt verkörpert sie! – erwartet ihn am Ende das Telegramm mit der Todesnachricht. – Noch ganz durchdrungen ziehe ich auf dem Weg zum Einkauf die Tür hinter mir zu. Scheiße, der Schlüssel! Michael nicht erreichbar – wo könnte das Versteck sein, draußen gießt es aus Eimern. Als der Schlüsseldienst schon da ist erreicht mich endlich Michael, lotst mich zum Speicher, ich zahle nur 29 Euro Anfahrt (statt insgesamt 29 + 179 + ??), bleibe aber aufgelöst. – Die Peergruppe wegen gewisser Umstände heavy. Ich gehe mit Magenschmerzen bedrückt ins Bett.- Samstag Schreibgruppe in Alexandras Praxis – wunderbar. Dann Restessen, ausruhen und kleiner Altweiberspaziergang durchs Kapuzinerhölzl. Herrlicher Vollmond, der morgen Blutmond wird. – Fabians 47. Geburtstag!
Da du die TV Beiträge so intensiv erlebst, klingen sie richtig interessant und nah als hättest du diese genauso erlebt wie die prekären Familien am Hauptbahnhof. Eine Woche mit vielen Schwimmausflügen war das für dich. Toll, dass du dich auch ohne Michael auf den Weg gemacht hast. Du kommst mir wesentlich jünger vor als 80 Jahre minus 12. Krass ist das. Das Drama mit dem Schlüssel habe ich live verfolgt. Zum Glück hat die Unachtsamkeit nicht allzu viel gekostet. Hoffentlich hast du den Schlüssel wieder ins Versteck gelegt.
Letzteres hat Michi erledigt!!
Volle Züge und flottes umdisponieren. Das ist in München öfter nötig. Herrlich erfrischt und selig, dann die Begegnung mit dieser respektlosen Gruppe, die das gute Gefühl zunichte macht.
Gut dass sich das Schlüsseldrama gelöst hat.