2025-09-27- Ungeist der Welt – Lektüren: von tibetisch, Ernaux, Heine, über Zauberberg bis Tolstoi – Filmmuseum, Ohr und diese Septembertage

Nach Kaisersonntag Temperatursturz. – Kurz-Treff mit Renate am Rotkreuzplatz. Abends Unbehagen. Sind es die Nachrichten? Zweistaatenlösung während laufender Bombardements und Trumps Plänen für die neue Reviera? Während wir von Frieden faseln ballt er die Faust zu Kirks Trauerfeier. Niemand schreitet bei Schlachtrufen im Namen Christi ein. Schweigt der Vatikan? Hass und Rache, religiös motiviert. Ist das nicht Terrorismus? Kampfansage und Heiligsprechung. – Das „Dritte Auge“ ist durch; das „Tibetische Buch vom Leben und Sterben“ ermattet mich durch ewiggleichen Sermon mit erhobenem Zeigefinger. Eine neue Suchbewegung vertagen wir – zerschmettert vom Ungeist der Welt.

Leider springt Michael nicht auf Heines Wintermärchen an, das (mir) vorlesend erhöhten Genuss beschert (bis Kap.6). Wundervoll: „Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest.“ Manchmal lache ich laut. Notwendige Geschichtskenntnisse leider lückenhaft. – Dann aber kommt Michael mit dem Zauberberg ums Eck. Da wir eingelesen und zeitlich frei sind, ich nicht jeden Moment mit seinem Absprung rechnen muss, da der Zauberberg laut Mann mindestens zwei-dreimal gelesen werden sollte, ist er mir willkommen und sieheda, vieles ist wieder ganz neu. – Auch mit Tolstoi freunde ich mich zunehmend an. Am besten gefällt mir, wie L(j)ewin mit seinen Bauern seitenlang Heu erntet, eine Figur, in der möglicherweise der friedliche Revolutionär, der idealistische Visionär Tolstoi aufscheint. Auch unwiderstehlich, wie Dolly mit ihrer Kinderschar baden geht. Zwischendrin Renates bzw Annie Ernaux‘ „Das andere Kind“. Ich wollte sie nie wieder lesen, aber durch Renate wurde ich gespannt darauf. Ein interessantes Zeitdokument, wie man damals mit dem kindlichen Seelenleben umging; dennoch für mich unbegreiflich, wie diese „Unberührbare“ (oder in diesem Sinne Geschädigte?) mit dem Nobelpreis geadelt werden konnte. Kühl, stets anklagend, dennoch thematisch lesenswert – eher wie ein Tagebuch, das „Brief“ genannt wird. Der literarische „Versuch“ einer späten Verarbeitung, gerichtet an die vor ihrer eigenen Geburt verstorbene Schwester, die „Heilige im Himmel“, die „viel lieber“ war als sie, wie sie unbeabsichtigt und zufällig erfährt. Ohne direkte Ansprache geht sie der Frage nach ihrer eigenen Daseinsberechtigung nach. Dem Tod der Schwester, so deutet sie, verdankt sie ihr Leben und somit ihr Schreiben, wofür sie wiederum lebt. –  Akustikerin. Da mich das Getöse stört, das durch Brille, Haare und Gesichtsbewegung ausgelöst wird, werde ich neue Geräte probieren – ab Ende Oktober.

Mittwoch Simons Geburtstag. Auf meine Frage, wie es Jakob erging: Er habe nichts gespürt, sei aber gereizt gewesen. Komisch. Wir hier hatten schlimm gestritten – ums Grab, weil ich laut Michael die immergleiche Leier in der immergleichen Empörung über den Gärtner auflege, und wie immer bin ich mit einem Auftrag zu spät dran. Michael kommt hinterher immer zu früh auf mich zu, ich brauche länger. Am Weinen hab ich gemerkt, dass es nicht „nur“ Streit, sondern meine zusammengebraute Seelenverfassung war. Zum Friedhof wollte ich diesmal allein. Da liegt nunmal dieser Stein auf dem Herzen, der lässt sich nicht wegwälzen.

Donnerstag nimmt der undurchdringliche Himmel endlich wieder Wolkengestalt an. Abends „Bild und Botschaft“ über Klee. Der verfügbare Laptop unvereinbar mit Apple oder Windows; zwanzig Minuten Qualifikationen, Titel und Untertitel aller Promotions- und Habitilationsschriften der ReferentInnen. Als endlich alles funktionierte, hat es mich nicht zuinnerst erreicht, ist eher an mir abgeperlt. Als erstes traf ich Frau Dr. Levin, dann saßen Wegeners zwei Reihen vor mir, das Publikum fortgeschrittenes Rentenalter. Statt einem gemeinsamen Gang zur Pinakothek verlasse ich fluchtartig die Veranstaltung. Nur nicht reden müssen…

Freitag Oma Renate per U-Bahn zum Friedhof, eine Aktion von vier Stunden. Peters Tod dreißig Jahre! – Abends mit Alexandra im Filmmuseum –  heute, Samstag, noch zerstört davon. Mini-Schnupperkurs bei Aetas; Absagen bis heute Nacht, nur noch zwei TN-innen, denen ich nicht wenige Stunden vorher absagen kann. Eine kam zum wiederholten Mal, eine andere, Psychiatriepatientin, ein offenes Buch, unstoppbar, aber unterhaltsam und in Resonanz – so wurde es extrem gesprächsintensiv. Den beiden aber hat’s gefallen, auch ich bin angeregt. Zu Hause lecker Mittagessen, Mittagschlaf mit Tolstoi; abends Zauberberg, bei dem wir viel lachen.

 

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2 Antworten

  1. Ines sagt:

    Von den Nachrichten wird mir auch schlecht, die neuesten Entwicklungen in USA kommen jetzt noch zu den Kriegen in Ukraine und USA dazu. Vielleicht bringen die neuen Hörgeräte eine bessere Qualität und weniger Störgeräusche. Und ja, Simons Geburtstag ist ein Tag, der nicht einfach so vorübergeht. Trauer hat verschiedene Gesichter.

  2. Renate sagt:

    Das sich kein Mensch traut sich gegen Trump zu stellen ist kaum auszuhalten. Das gemeinsame Lesen ist eine schöne Sache. Zauberberg öfter zu lesen braucht seine Zeit. Bin gespannt ob ihr euch die nehmen werdet.

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