Mein Ostern
Die Tage bis Ostern: Daheim bleiben, Ruhe brauchen, jede Aktivität ist begleitet von der bangen Frage „wann geht’s wieder los?“ Der Darm roumort. Die Ärztin sagt, der ganze Dickdarm scheint entzündet, eine „Pankolitis“ ich habe trotzdem vor, am Karfreitag in die Matthäus Passion und am Samstag in die Osternacht zu gehen. Was hilft, ist immodium. Brezen, Karotten, Kartoffeln und Reis.
Ich bin oft unleidlich, schnell wird mir alles zuviel.
Während der Matthäus Passion tauche ich ganz ein in diese wunderbare Musik. Engelsstimmen vom Chor der Regensburger Domspatzen und den Solisten. Am Samstag dann, wie in jedem Jahr, holt mich Barbara zur Ostermesse ab. Sie ist anders, noch hektischer in ihren Bewegungen als sonst. Was ist los, Barbara? Sie erzählt von dem platten Reifen, den sie entdeckt hat, als sie im Gestüt ankommt, wo ihr Pferd steht. Und sonst? Ja, bei der Biopsie kam raus, dass sie einen bösartigen Tumor hat. Dann stehen wir nebeneinander am Osterfeuer vor der Kirche und stehen, knien, sitzen während der nächsten drei Stunden. Ein Erwachsener wird getauft. Alle klatschen als die Zeremonie vorbei ist. Ich drehe mich um und sehe, die Kirche ist voll besetzt. Das gibt ein gutes Gefühl. Ich denke daran, dass sich Lillis Vater vor zwei Jahren, also auch als Erwachsener, hat taufen lassen. Dass Lilli in diesem Sommer hier getauft werden wird. Das ist also die Gemeinde, zu der ich schon seit Langem gehöre ohne Zugehörigkeitsgefühl. Drei Stunden. Mitternacht daheim. Der Vormittag heute: Alina futtert das Lämmchen, ich trocken Toastbrot. Lilli lächelt so schön. Alles gut! Alles gut? Bald kommt Theresa, meine Verwandte mit Mann und Kind. Sie machen bei uns einen Blitzbesuch bei der Heimfahrt von Salzburg nach Berlin.
Ich bin überrascht zu lesen, dass du dich nicht zugehörig fühlst!? Ich habe mir das anders vorgestellt, dachte, du bist da zu Hause! – Bin gespannt, was bei Darm rauskommt. Mir gefällt das nicht, was du beschreibst. – Barbara mit bösartigem Tumor – sowas ändert alles. Plötzlich steht sie auf der anderen Seite. – Ein frisch getaufter Vater, bei dem die Botschaft wohl noch nicht angekommen ist. Oder anders: Was mag bei ihm angekommen sein? Man guckt eben nicht rein. Der kleinen Lilli aber fehlt es an nichts.