22-09-11-Vor Michaels Aufbruch – Schlaf- und Wachträume: Simon verloren + Sehnsucht nach Poesie
Sonntag früher Abend. Statt bei Michael zu schuften, wobei wir uns gestern gehörig in die Haare geraten sind, haben wir heute Wandern geübt. Seine klobigen Wanderstiefel drücken. Ab Dienstag muss er damit lange Strecken zurücklegen. Ein Freund erwartet ihn in Florenz. Wir haben heute Räum- un Putzpause gemacht, machen morgen weiter. Ich habe seit Monaten gesagt, er soll wegfahren und ich übernehme derweil. Aber so wie es war weigere ich mich. Wenn ich das allerdings sagen würde, würde er nicht fahren. Also vollbringe ich den Balanceakt, ihm in den Hintern zu treten, fluchend und schimpfend die Ärmel hochzukrempeln und wenigstens soweit durchzudringen, dass ich weiß, wo ich was finde. Er fragt mit Recht – ob er sich je so aufgeführt hat, wenn es bei mir entsprechend war. Bei ihm kommen einige Dinge (seelisch und faktisch) zusammen, nicht zuletzt der Tod seiner Mutter. „Pension“ ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung und bringt nicht die beste Laune. Mitten ins Chaos hinein kam noch der Brief der Vermieterin mit saftiger Mieterhöhung. Das könnte – mal wieder – das AUS sein und hat den Tiefpunkt gebracht. – Unterwegs heute dagegen waren wir harmonisch im Gespräch, Einkehr im Rittergütl, hübscher Ort mit guter Küche.
Am Freitag ein ungewöhnlich intensiver Abend bei Ariane, berührende Stimmung mit allseitigem Aufbruch, Neuanfang, guten Nachrichten. Ich war erst nachts um 1:00 zurück. Ariane schrieb hinterher von Magenverstimmung. So geht es mir auch seitdem. Gestern vor unserer Aktion bei Michael hatten Beate und ich – beinahe schon jour fixe mäßig – unser Frühstück: Beate tischt auf, dann geht’s aufs Bett mit Arthur Schnitzler (und anderen literarischen Zukunftsideen) zum gegenseitigen Vorlesekraulen. Très exquis exclusif! Die abendliche Lesung mit Monika Manz habe ich ausfallen lassen, Lehmkuhl wusste nichts davon und auf gut Glück wollte ich bei dem Sauwetter nicht suchen gehen.
Inzwischen habe ich meinen neuen lindgrünen Filzkalender. Gerade übertrage ich schon Geplantes ins nächste Jahr. Kleinformatig, wie ich ihn wollte, ein rechtes Gefummel. Auch darf (noch) nicht gepatzt werden! Beim Kruschteln und Übertragen von Adressen vom alten Adressbuch, das jeden Moment auseinanderfällt mit tausend Einlegezetteln in ein (mir) neues bzw. Lollos uraltes Kartensystem habe ich großzügig ausgemistet. Da waren noch Verstorbene drin. Das wird immer wieder vorkommen – das ist mir allgegenwärtig! Aber auch Menschen, mit denen ich nichts mehr zu tun habe bzw. zu tun haben will. Aus dem Kollegenkreis die übernommen, mit denen Kontakt bleiben wird. Was kamen nicht auch für wunderbare Notizen, Zettelchen und Weisheiten zum Vorschein! Zum Beispiel: „Man kann nicht glauben, solange man zu wissen glaubt.“
Auch einen Traum habe ich gefunden. Selber heute Nacht zwei Träume durchlebt. In einem habe ich besonders gelitten. Ich hatte Simon verloren. Eine große Veranstaltung für krebskranke Kinder. Simon ca. 5-jährig; keine Möglichkeit, keine Organisation, verschiedene Schauplätze, keine Lautsprecher. Der Traum kam gerade jetzt, wo ich wieder besonders oft überfallen werde von diesem quälenden, gequälten Gefühl, vom Vermissen und nicht-fassen-Können.
Ich bin gespannt, wie es mir bekommt, wenn Michael mal weg ist. Freu mich irgendwie darauf – auch für ihn, dass er etwas macht, was er mit mir nicht haben kann. Lange wandern. Mit einem Mann, nicht mit mir, die dann nölt, die Füße tun weh, trägt er mir den Rucksack, wo es lang geht interessiert mich nicht…
Insgesamt bin ich momentan noch etwas ZU beschäftigt. Aber ich empfinde nicht, das es aus einer „Abwehr“ heraus geschieht. Auf Dauer muss mehr Raum für „Poesie“ sein. Am Dienstag werden Renate, Brigitte und ich wandern. Ist Wandern Poesie? Wäre es Poesie, wenn die Füße nicht wehtäten? Mich streift außerdem langsam eine Idee, was mit Struktur gemeint sein könnte, wenn ich nicht in einem Meer aus Tagen schwimmen will, jenseits des Zeitgerüsts, in dem die werktätige Bevölkerung lebt.
In dieser Woche ist die Queen gestorben. Und der „ewige Nebelpreiskandidat“ Javier Marias.
Wohin geht’s von Florenz aus? Eine Erhöhung der Pacht nach diesen schwierigen Zeiten ist eine Sauerei. Zwei Wochen bist du Pensionswirtin, herausfordernde Zeit und Auszeit für Michael. Der Traum, angelockt durch dein starkes Vermissen und es nicht fassen können?
Dann bist du heute Wandern gegangen, am Dienstag. Dass du die Pension für diese Tage übernimmst, ist ein großes Geschenk für Michael, insbesondere, da du es nicht so magst. Hoffentlich kann er in den drückenden Wanderschuhen die Zeit für sich nutzen. Ich finde es richtig spannend, wie du deine Zeit ausfüllst und was für eine Struktur du deinen Tagen wohl geben magst. Mehr Raum für Poesie klingt vielversprechend.
So unglaublich charmant die Pension ist- ein vielleicht letztes Juwel in München- ich lese immer deutlicher „Last“ im Subtext . inzwischen weiss ich, dass aus dem Wandern nichts geworden ist, noch aus irgendeinem „Großreinemachen“. Wenn der Magen weh tut ists vorbei mit den schönen Plänen. Unsere Lesetage sind Labsal für die Seele und so überaus erbaulich!