22-12-18-Die Woche in Etappen – Adventstee, basteln, backen, werkeln – Tisch und ein neues Lebensgefühl
Montag krückenlos zur Physio. Von der Wohnung aus hielt ich sie inzwischen für überzogen. Nie hätte ich geglaubt, was für eine Tortur das auch heute noch werden würde. Mache ich so schnell nicht wieder. Ich habe die ewige Physio etwas über, finde es aber toll, dass ich Doppeltermine habe – regelmäßig anderthalb Stunden mit „Geräten“, Lymphdrainage und Eis. Heute schon 3km „geradelt“, „Gewicht in die Höhe geschoben“, mit Füßen und Beinen eine „Wand weggestemmt“. Alles gründlich angeleitet. Michael ist mit seinen Papieren durch und wieder ein neuer Mensch. Habe den Küchentisch versuchsweise quergestellt – vielleicht können wir uns so besser gegenüber sitzen, wenn er jetzt öfters zum Essen kommt und wir Zusammenleben üben. Wir diskutieren immer, warum ein Mann unbedingt aus dem Haus sein muss, wenn Freundinnen kommen. Ob er nicht einfach in seinem Zimmer verschwinden kann? Was, wenn es regnet? Besonders Freitag Abend will er nicht ausgehen.
Der „quere“ Tisch bewährt sich. Wir sitzen uns ganz neu gegenüber, außerdem sitze ich zu verfrühter Weihnachtspost dran. Sehr gemütlich. Ich schreibe nur, wem ich will – muss nichts. Inzwischen habe ich meiner Physiotherapeutin von den ungläubigen Reaktionen auf meine anderthalb Stunden erzählt. Sie sagt, sie lehnt Patientinnen mit nur KG-Rezept oder von Ärzten, die auf ihre Empfehlungen nicht reagieren, ab. 20-Minuten-Behandlungen, obendrein oft bei verschiedenen Therapeuten, brächten keinem Patienten was und der Therapeut brenne aus, könne davon auch seine Praxis nicht finanzieren, habe keine Chance, individuell zu arbeiten. Sie weigere sich, so zu arbeiten. Offenbar lassen sich manche Ärzte darauf ein. Gestern – bei Blitzeis – wieder hingeeiert. Hinterher tut alles weh. Jetzt ist Pause bis 3.Januar. Absoluter Luxus: Da ich nicht da sein werde kümmert sie sich auch noch um das Folgerezept!! – Gleich gehts zum Adventsfrühstück bei Heike Beck, inzwischen Tradition. Diesmal mit Bettina, die mich abholt.
Nach dem Frühstück bei Heike „große Pause“, dann mit Beate ihre Kürbissuppe gegessen, Tchai getrunken, gelesen – leicht moralingetränkte, allzu „evangelische“ Geschichten aus dem Kalender und Lustiges, z.B. Loriot, aber auch die von den untergegangenen Krippen. – Wir freuen uns ja, Weihnachten irgendwie zu entkommen, wollten auf keinen Fall Geschenketerror. Haben jetzt erfahren, dass es üblich ist, dass jeder das Seine in die Hand gedrückt bekommt. Das bedeutet doch noch Stress, nochmal backen; bei Lebkuchenschmidt eine schöne Kandinskybox gekauft. Uns erwartet nicht nur Kernfamilie, sondern ca zwanzig andere Personen; wie ich inzwischen verstanden habe doch alles am 24.12. Sprich: Vielleicht können wir am 25. ausspannen, bummeln in Lodz? Aber: Geschenke bzw. Mitbringsel für Menschen, die wir nicht kennen – schwierige Aufgabe. Viele Tütchen und an jedes einen Engel? Ein mächtiger Teil der Schwiegerfamilie soll streng atheistisch sein. Man kann sich also mutmaßlich nicht über Gebet und Gesang verständigen. Hoffentlich darf ich mal in eine Kirche, ohne zu brüskieren.
Letzte Ration gebacken. Adventsteller ins Hospiz gebracht mit Lebkuchen, Datteln und Mangostreifen in Schokolade, dazu Post; die eleganteste Methode, nicht an Sonja, Anna oder Gregor vorbei zu müssen, auch wenn es ab morgen Renate sein wird. Also kein Eiertanz, eine der neuen Kolleginnen kam runter. Unverfänglich. Ich hätte es „ohne“ nicht gekonnt. Auf dem Rückweg zwei Kisten Rotwein von Ruffine geholt. Ausgiebige Telefonate. Mit Ariane. Mit Winni. Jakob kam gestern abend aus Rotterdam mit vier Stunden Verspätung; sehr gutes Gespräch noch gegen Mitternacht. Für ihn neu – da ich ja immer müde war und um diese Zeit schlief. Heute ging er zu einem Brunch, dann Fußball, morgen früh um 5.00 für zwei Tage nach Freiburg. Er macht noch Beate Konkurrenz! Hier ist es sehr chaotisch, Bastelmaterial türmt sich. Ines schrieb: keine Lust zum Basteln. Die habe ich auch nicht. Man tut es – die Lust kommt. Auch verändert man sich unterdessen. Ich kannte Michael so noch kaum. Teils schweigend, teils plaudernd werkeln wir – und was er für köstliche Ideen hat! Nicht dass alle umsetzbar wären. Es gibt eine Seite in uns, die spielend zum Vorschein kommt.
Mir gefällt der Ausdruck „der quere Tisch“, nicht zu verwechseln mit der „queere Tisch“. Und streng atheistisch find ich auch köstlich, quasi das Gegenteil zu streng katholisch. Um deine Physiotherapeutin bist du zu beneiden. Ich kannte bisher nur die 20-Minuten Variante und hab mich auch gewundert, wie die Physios dieses Fließband auf Dauer aushalten und dann ständig neue Patienten. Um die Frage, was du der Verwandtschaft in Polen schenken sollst, beneide ich dich allerdings nicht. Ich bin total gespannt auf deinen Bericht, wenn ihr das hinter euch habt. Und verstehe ich es richtig, dass Michael demnächst bei dir einziehen wird? Das wird ja richtig aufregend. Bei Alexandra und auch bei Ariane sind die Männer doch immer mal wieder zugegen, wenn wir bei denen sind. Find ich nicht schlimm. Bei uns muss Hubert allerdings verschwinden, weil man im Wohn-Esszimmer keine Tür zu machen kann und es mir zu wenig abgeschlossen wäre.
Beinpresse, so nennt sich das Teil mit dem du eine „Wand“ wegschiebst. Die mochte ich immer gerne im Fitnesscenter. So ein Doppelrezept ist richtig gut. Das versuche ich im nächsten Quartal auch. Das Weihnachtsfest wird eine Großveranstaltung in Polen und dann noch allen ein Geschenk machen. Gut, dass du sehr gute Ideen hast, so dass dir bestimmt was einfällt. Wenn du den Adventsteller heute gebracht hättest, wäre dir Herr Linnemann nicht begegnet, denn er war nicht da.