23-04-08- Karsamstag bei Eiseskälte nach Corona – Aussicht auf Tristan und Krönungsmesse – KEIN Brief
Karsamstag. Der schwierigste aller Tage im Kirchenjahr. Der Kreuzestod ist vollbracht, von Auferstehung weiß die Welt noch nichts, absoluter Stillstand, abgrundtief hoffnungslose Depression! Ein Tag wie kein anderer. – Dass jetzt wieder Frieren dran ist – sogar im Bett! – taugt mir gar nicht.
Eine Woche Corona – vergleichsweise kurz – lässt alles versinken. Den dritten Tag negativ; die Erkältung nicht ganz vorbei, die Lunge ächzt nach. Gestern haben drei reizende junge Leute Jakobs Hinterlassenschaften aus seinem Münchner Jahr abgeholt, unterwegs nach Rotterdam über Brüssel. Noch nicht fit am Donnerstag Hasen und Lämmchen für ein Osterpäckchen gebacken. Ziemlich umständlich, geht nicht massenhaft! Zu Käfer gefahren und dort für jeden der drei Freunde Lämmchen gekauft, dazu Rotwein, als Dankeschön. Darüber mit Michael in Konflikt geraten, der sich aufgeregt hat, dass ich mir direkt aus dem Bett – zugegeben Schweiß gebadet – sofort solchen „Druck mache“, es ginge um Süßigkeiten, nicht ums Überleben! Er hätte es fertig gebracht, dafür ein Statt-Auto zu mieten; das ging zu weit. Ausgeschlagene Fürsorge aber ist eine sensible Angelegenheit. – Nugateier sind dies Jahr nicht mehr ohne Weiteres erhältlich (hat das mit Ukraine zu tun?). Selbst Eilles, wo ich Besonderheiten erhofft hatte, hatte keines mehr. Heute ein Häschen zu Lily und Jonas gebracht, wo mir Irmi über den Weg lief, die Mutter eines Freundes aus den frühen Jahren. Der Ratsch auf der Straße wurde begrenzt durch einsetzenden Niesel und die Lunge, die empfindlich reagiert, als wolle sie sich entzünden. Da wir nichts Österliches vorhaben eine Erlösung: Beates wunderbare Idee von einem gemeinsamen Gottesdienst – etwas, wovon ich seit meiner „Vertreibung aus dem Paradies“ abgeschnitten bin. Wir haben uns für Pfarrer Schießlers Krönungsmesse entschieden. Danach gehen wir mein Lämmchen schlachten und bei Kaffee gemeinsam lesen. Ostern ist gerettet.
Nach allen Ausfällen bereite ich mich auf Tristan und Isolde vor, wofür Michaels Freund André uns seine Abokarten abtritt. Ich habe mich durchs Libretto gequält – unverständliches Zeug; lese über Wagner in einem Buch, das zwanzig Jahre unberührt lag und das auch das Kind Richard beleuchtet – in der Jugend soll er seine Zukunft in der Dichtkunst gesehen haben. Letztes Jahr Hitlers Bayreuth über Winifred gelesen, auch über diese für mich schwierige Musik. Ich hoffe, bis nächsten Sonntag für diese vier Stunden präpariert zu sein bis hin zum „Tristanakkord“: f-h-dis-gis und das „Sehnsuchtsmotiv“: gis-a-ais-h. Das ist selbst kerngesund eine Herausforderung, die ich versuche, mittels geistiger Vorwegnahme zu bewältigen!
Bis heute noch mit Gregor gerechnet – so hatte ich seine Ankündigung verstanden. Gelobt, erhöht, umschmeichelt, vermeintlich ins „Vertrauen“ gezogen – um fernzuhalten, Auseinandersetzung abzuwehren? So wie enge Umarmung gegenseitiges Wahrnehmen im Keim erstickt? Weiter also mich entbinden, den Trauerprozess durchstehen – wie im Tod, bei dem der, der betrauert wird, sich auflöst in etwas, das er nie war. Wie in tragischen Krimis sich um den Toten etwas entpuppt, das für Hinterbliebene nicht wahr sein kann. Oder: der treue Familienvater, der „Zigaretten holen“ geht. Mr. Ripley. Felix Krull. Oder: Zeichen realisieren, die ich nie sehen wollte. Was, wenn ich je von Gregors Schlüssel Gebrauch gemacht hätte, der für mich lang an unserem „geheimen Ort“ verwahrt lag? Wer alles hatte den? Jeder? War es überhaupt sein Schlüssel? Wenn Gregor „verschwunden“ wäre? Was hätte ich gefunden? Nichts? Niemand?
aus deiner Geschichte mit Gregor würde Murakami einen phantastischen schwarzen Roman basteln mit einem verschwundenen Menschen, dem man nicht nachspüren kann, weil er nie greifbar war. Es schmerzt mich richtig, Deine Zeilen über diesen Verlust zu lesen.
Hast du Gregor den Schlüssel zurück gegeben oder ist er noch in deinem Besitz? Ich wünschte, er hätte sich bei dir gemeldet. So wie du dich auf Tristan und Isolde vorbereitest, wird es sicher ein Erlebnis. Für mich wäre es eine Tortur, diese 4 Stunden durchzuhalten. Jakobs Münchner Jahr ist also Geschichte. Was hat er ein Glück, so reizende Freunde zu haben, die diesen weiten Weg auf sich nehmen. Für mich war Karsamstag immer schön, da die Fastenzeit am Abend endete und sich die Freude auf Ostersonntag einstellte. Dein Osterprogramm mit Beate hört sich wunderbar an.
Schnell wieder negativ, die Symptome aber immer noch nicht ganz abgeklungen. Das es kein Nougat gibt erstaunt mich. Nougat Krokant gibt es bei Edeka. Jetzt ist es zu spät. Wagner kann ich gar nicht hören, geschweige denn verstehen. Ich mag diese Art von Oper nicht. Katharina ist ein Wagnerfan.