Schwestergeburtstag, Pidis verstorbener Ehemann und tristes Bielefeld

Ich habe zwei Tage Resturlaub und den Geburtstag meiner Schwester zum Anlass genommen, am Donnerstag nach Bielefeld zu reisen. Jetzt ist Sonntag und ich befinde mich wieder auf der Rückfahrt in der 1. Klasse des ICEs nach München. Wenn alle Züge fahren, ist es die komfortabelste und schnellste Art, den Weg von 600 Kilometern zu überwinden. Am Donnerstag holte mich mein Vater vom Bahnhof ab und fuhr mit mir zu meiner Schwester, wo ein Kaffeetrinken (mit 5 verschiedenen Geburtstagskuchen) mit Bruder und Schwager, Neffe und Schwiegermutter schon im Gange war. Vom ersten Moment meines diesmaligen Aufenthalts warf ich alle Ernährungsvornahmen über den Haufen, habe massenhaft Kuchen in mich gestopft, abends noch Pizza und Wein. Und so ging es das Wochenende weiter. Jeden Tag Kaffee und Kuchen, was ich ja gar nicht so schätze und die Völlerei gipfelte gestern Abend in der Geburtstagsfeier, wo 20 Gäste zu meiner Schwester kamen und herrlichstes Essen mit Nachtisch und später Pralinen serviert wurde. Jetzt sitze ich immer noch satt im Zug und frage mich, warum ich mich dort immer so überessen muss. Übernachtet habe ich zweimal bei meinem Vater im alten Jugendbett unterm Dach. Mit ihm ist das Gespräch seit dem Tod meiner Mutter so einfach und offen wie nie. Ich genieße es, mit ihm Zeit zu verbringen, wobei ich mich auf seine altersbedingte Langsamkeit und Umständlichkeit einstellen und wegen seiner Schwerhörigkeit laut und deutlich reden muss. Dennoch sind seine Einstellungen zu vielen Themen überhaupt nicht alt oder eingefahren. Nie hätte ich früher gedacht, das es zwischen uns so ein Einverständnis geben würde. Am Freitag fuhr ich meine Schulfreundin Pidi besuchen, die ich seit meiner Hochzeit im Juni weder gesehen noch gesprochen hatte. Beim Betreten ihrer Wohnung eröffnete sie mir, dass ihr pflegebedürftiger Mann bereits im Juli gestorben war. Sie hätte es nicht über sich gebracht, mich anzurufen, weil sie mein Glück nicht stören wollte. Das fand ich zwar zunächst befremdlich, aber sei es drum. Sie hat mir alles nochmal im Detail berichtet und wie es ihr seitdem ergangen ist. Wir haben zusammen geweint und auch ein paar Pläne besprochen und waren uns am Ende des Nachmittags sehr nah. Ich freu mich jetzt wieder nach München zu kommen. In Bielefeld war es zwar von den Kontakten schön, aber ich werde mit meiner Geburtsstadt nicht gut Freund. Durchgehend grau und regnerisch war es. Die Häuser sind größtenteils nach dem Krieg gebaut und haben keinerlei Charme, nur zweckmäßige graue Klötze. Zu 80 Prozent ist es dort hässlich und trist. Im Unterschied zu München, wo am Wochenende die Sonne knallte und viele Menschen bereits draußen saßen, ist es deprimierend in den Wohnvierteln oder in der City herum zu laufen. Vielleicht muss ich deshalb so viel essen. Meine Schwester Petra war sehr glücklich und dankbar, dass ich da war. Die Nacht von gestern auf heute schlief ich bei ihr uns so hatten wir heute früh noch ein bisschen Zeit zum reden. Anders als mit meinem Vater ist der Austausch mit ihr sehr einseitig und eher oberflächlich. Das ist immer schon so gewesen. Aber immerhin haben wir keine Konkurrenz mehr.

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2 Antworten

  1. Heike sagt:

    Auf dem Foto fällt auf, dass die beiden anderen lachen – und du (ausnahmsweise) nicht so sehr. Die Wirkung von Familienangehörigen ist frappierend. Auch dass es sich mit deinem Vater jetzt intensiver reden lässt ist bemerkenswert. Deine Mutter – vermutlich das Zentrum – hat viel Raum freigemacht. „Das war schon immer so“ (die Oberflächlichkeit) klingt lustig und traurig zugleich. Dass du soviel essen musst – wie sollte es anders sein, wenn derart aufgetischt wird und Essen eben auch verbindet. Als Leichtgewicht bist du zum Platzen gefüllt und fühlst dich dann entsprechend unwohl. Dass deine Freundin dein Glück nicht trüben wollte, diese Art zu denken würde mich auch befremden. Immerhin konntet ihr es nachholen.

  2. Renate sagt:

    Vom lesen alleine bin ich schon satt. Dass deine Freundin dir vom Tod ihres Mannes nichts erzählt hat zeigt eine sehr eigene Denke. Die Häuser in Bielefeld erinnern nach deiner Beschreibung an Bauten im Osten. Die Sonne würde vieles, auch das Grau, freundlicher machen.

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