20-09-09-CoTaBu-Raubt uns Corona unsere spirituelle Praxis?-Moria brennt!
Jetzt weiß ich wieder: dass ich abends müde bin, nichts mehr lese, bei Michael keinen Finger krumm mache. Das Nötigste – einen Platz im Hospiz zu vergeben – schon gestern Nachmittag entschieden. Nächste Woche die Gruppen der EhrenamtlerInnen, ohne die ich nicht darüber nachdenken kann, wie ich mit den Lücken unter ihnen umgehen soll. Ersatz suchen? Die Plätze sind besetzt und doch derzeit frei. – Weltgeschehen: Moria brennt! 27 Corona-Positive untergetaucht. – 3-SAT: „Wir 80 Mio – Was Deutschland vereint“, erst Studie, dann Talk mit der eigenwilligen Viviana Perkovic; wie Kermanis „Wer sind wir“, bewegt festgefahrenes Denken. – Was anstrengt: Immer noch verbringe ich meine Zeit fast ausschließlich am Telefon. Seit Februar keine Andacht, wie ich sie immerhin seit 2005/6 wöchentlich gemacht habe. Kein Zusammenführen von PatientInnen in einem übergeordneten Sinn, kein gemeinsames spirituelles Leben. In die Kirche gehe ich nicht, weil ich den jetzigen Hauptpfarrer nicht mag, weil in St. Laurentius die Coronaregeln rigide sind, weil ich mich bei meiner einzigen Anmeldung zu einem Gottesdienst durch mehrfaches Nachtarocken bedrängt fühlte. Ich allein finde momentan nicht den Weg in innere Dinge dieser Art. Keine Andacht bedeutet, dass mir die inhaltliche Vorbereitung dieser „geheiligten Stunde“ fehlt, die das Herz meiner Hospizwoche war – und ich keinen konkreten Anlass habe, in die Zwischenwelt der Patientinnen einzudringen. Mein Dreh- und Angelpunkt, die Gelegenheit für mystische, magische Begegnungen, lag darin. Durch Corona ist das Telefonaufkommen ins Riesige angewachsen und mein Hospizleben um diese Dimension ärmer geworden. Vielleicht bin ich deshalb erschöpft? Der Ausgleich ins Geistige fehlt, der so wichtig ist an der Schwelle. Es war über geraume Zeit und an diesem Ort die tiefste Erfahrung gemeinschaftlichen Gebets in meinem Leben.
Oh, das verstehe ich so gut, dass dir diese geistig-spirituelle Dimension fehlt und so traurig für eure Sterbenskranken, dass sie das nicht erleben dürfen. Kannst du mit Hygienemaßnahmen nicht wenigstens wieder für ein kleine Gruppe eine Andacht machen?
Antwort an euch alle: die Gruppen waren in der Kapelle immer klein. Aber für 1,5m Abstand ist die Kapelle zu klein, die Akustik zu schlecht und das Bedürfnis nach Berührung – auch gegenseitiger Berührung untereinander und mit ihren Menschen, die sie dann oft mitgebracht haben – zu groß. Eine Andacht mit ständiger Vorsicht kann ich nicht. Auch lassen sich diese zarten Töne nicht hinter der Maske brüllen. Ich kapituliere. Unser Pater rauscht ja nur so durch. Der Seelsorger ist jetzt ein paar Wochen nicht da. Und schon schnellt die Kurve der geäußerten spirituellen Unterversorgung – Gott sei Dank wird das geäußert! – in die Höhe. Ich bin dran, aber es ist ein Brachland.
Vielleicht ist die Idee von Ines realisierbar? Dürfen die Patienten die Zimmer nicht verlassen?
Es ist so vieles in Un-Ordnung geraten durch die neuen Regeln. Wie schlimm ist es doch, dass auch das gemeinsame Gebet, Andachten nicht mehr möglich sind.