Alter neuer Ort
Heute war ich das erste Mal seit vielen Jahren in der Gedenkstätte Dachau. Meine Freundin wollte mir die neue Ausstellung zeigen, von der ich schon im Bayerischen Rundfunk gehört und in der SZ gelesen hatte. Als ich durch das „alte“ Tor ging, durch das ich lange Jahre tagtäglich mit dem Auto auf das Gelände gefahren bin, empfing mich ein netter Mann, der aussah, als hätte er gerade Urlaub in der Karibik gemacht. Ich plauderte ein wenig mit ihm und erfuhr von ihm, dass er Grieche ist, dass er gerne hier am Einlass sitzt und schaut, wer von den Parkplätzen auf der Alten Römerstraße herkommt und dass er die Stadt Dachau sehr schön findet, aber nicht hier lebt. Ich erzählte ihm, dass ich vor vielen Jahren hier gearbeitet habe und dass es damals noch keine Parkplätze auf der Alten Römerstraße gegeben hat. Diese paar Worte, die ich mit ihm wechselte, bewahrten mich wohl davor, wie ein gespitzter Bleistift in Ohnmacht zu fallen. Voller Schwindel im Kopf stolperte ich über den Kies. Die alten Zeiten: Jeden Morgen erst mal am Erschiessungsgraben lang gehen, hinauf in mein Büro mit Blick über den Appellplatz. Die Feindschaft, die sich von Seiten der Kollegen bald gegen mich richtete. Sie haßten alle, die studiert hatten und ich war zusammen mit einem Lehrer die Einzige, die „alles besser“ wußte. Und dann kam Gabi, damals schon eine hervorragende Wissenschaftlerin mit internationalem Ruf, die zusätzlich jung und attraktiv war. Ein neues Hassobjekt. Wir beiden verbündeten uns und freundeten uns an Ja, so war das damals. Heute klingelte ich an der Tür und trat in ein völlig verändertes Gebäude, eine veränderte Welt, ein. Gabi hat auch innenarchitektonisch für einen Neuanfang gesorgt: Die Räume transparent mit viel Glas, Bilder von Max Mannheimer. Eine freundliche Dame an der Rezeption begrüßte mich und sagte, Gabi habe grad noch ein Interview mit der New York Times. Ein Mitarbeiter von früher lief mir über den Weg. Weil wir gleich alt waren, hatte ich ihm damals angeboten, dass wir uns doch duzen könnten, aber er siezte mich weiterhin, weil ich nicht wohl gelitten war… tja. Nicht nur die neue Innenarchitektur zeigte, dass nun ein anderer Wind wehte. Das, was Gabi von derzeitigen Projekten erzählte und diese großartige Ausstellung waren Zeugnis davon, dass die Wissenschaft hier eingezogen ist. Es ist im Nachhinein völlig logisch, warum es damals die alten Fronten gab: Robert und ich waren die Vorboten, die den Wandel einläuteten. Gabi verkörperte von Anfang an dass das, was lange als etablierte Normalität gepflegt worden war, über den Haufen geworfen wird, eines Tages oder bald.
Beate, ein eindrucksvoller Bericht. Selbst mir stockt der Atem. Und ich bin mit zurückgeworfen und erinnere mich, wie wenig ich damals verstanden habe, warum du nicht einfach gingst. Es gibt solche Zeiten, aber es war schon besonders schwer damals für dich!
Ja, das war eine schwere Zeit. Deshalb ist der Artikel, an dem ich grad schreibe, so wichtig für mich. Als würde ich aus einer jahrelangen Starre und Sprachlosigkeit heraustreten
Deinen Artikel würde ich gerne lesen, wenn er fertig ist. Obwohl meine Schwiegermutter in Dachau lebt, war ich noch nie in der Gedenkstätte. Vielleicht sollte ich das bald mal nachholen.