Zufluchtsort
Als ich heute Morgen zum x. Mal voller Unruhe aufwachte, beschloss ich, den Zufluchtsort von vor drei Jahren anzusteuern: Meine Therapeutin, die mich damals durch so manche Stürme begleitet hatte. Zufällig hatte ein Klient bei ihr abgesagt und ich konnte am Nachmittag zu ihr gehen. Allein die Aussicht, bei Ihr über den vielen Kummer und Mist der letzten Wochen sprechen zu können, machte mich schon ruhiger. Noch am Vormittag schrieb mir Sirena, sie haben das Bakterium aktinomizeten bei Janni identifiziert. Eine erste (Teil-)Diagnose. Sie muss noch eine Woche im Krankenhaus bleiben, am Freitag kommt das Ergebnis von der Biopsie. Allein der Name dieses Bakteriums, das ziemlich hartnäckig sein soll, hat eine gewisse Beruhigung bei mir ausgelöst. Sie haben was gefunden-endlich!
Die Therapiestunde hat mir gut getan, aber ehrlich gesagt war es nicht mehr „Anker“ für mich als mit Euch zu bloggen. Schön war es aber, mal wieder in diesem schönen Raum zu sitzen, mit einer Frau, der ich in der Vergangenheit schon viel anvertraut habe. Der meine Wunde, meine Blöße nicht fremd ist. Ein Zufluchtsort.
Aus Jannis Zimmer ist der reizende kleine Junge, der an den Mandeln operiert worden war, nach Hause entlassen worden. Dafür kam eine gscherte Mitfünfzigerin ins Zimmer, die lautstark von ihrem Coronatest erzählte und (auch recht laut) ihren Mann am Handy fragte, auf welcher Coronaparty er gestern schon wieder gewesen sei. Hihi????Sirena saß mit großen äugen da. Sie ist sehr besorgt, dass Janni irgendeinen Infekt aufschnappen könnte. Die neue Zimmernachbarin scheint nicht so richtig prima zu harmonieren, aber man kann es sich nicht aussuchen.
Eine Zumutung, auf die man so ohne Weiteres nicht kommen würde: der Einbruch in die Intimität eines Zweierzimmers. Als ob es das auch noch brauchen würde. – Dass deine Therapeutin eine Wohltat war, das glaube ich. Aber ebenso glaube ich an die Kraft des Schreibens und das Bild vom Anker trifft es punktgenau.
Deswegen wollte ich immer eine Versicherung über ein Einbettzimmer abschließen, doch dafür bin ich zu alt, d.h. es kostet zuviel.