20-08-29-CoTabu-Auf DU und DU mit ÜberIch und ES – automatisch Zeichnen

Michael sagt, ich spinne. Er findet, automatisches Zeichnen geht nicht und verzerrt mein surrealistisches Experiment ins Groteske. Tatsächlich ist es ungeübt unmöglich, sich von jeglicher Vorstellung zu lösen (vergl. Meditation). Dennoch: aus „Beflügelung“ wurde am dritten Tag meines Versuchs ein veritables Selbstportrait. Hier stemmen meine vermeintlichen Flügel ein monströses Überich über Kopf, das ich noch gestern für eine Wolke gehalten hätte (Michael deutet spontan „Eiswolke“).  Unterwegs zum See gestern fragte er nämlich: Wer sagt, dass du nicht tun darfst, was du willst? Ich: mein Über-Ich. Er: Ist das deine Mutter? Natürlich hätte meine Mutter solche Tage nicht durchgehen lassen. Ich kannte sie nicht wieder, als sie im letzten Lebensjahr NICHTS mehr tat. Früher: Sie aß geregelt, nie gierig. Alles lag am Platz (hatte überhaupt einen Platz!), bevor sie – täglich – das Haus verließ. Sie machte „Büro“, Notizen, strich an, ordnete. Sie las und „studierte“. Sie „turnte“, verschenkte zur Animation selbstgenähte Säckchen (Gewichte), gefüllt mit Katzenstreu (ohne eine Katze zu haben). Sie spielte Tennis, lief Lang, hatte Zeit für Mittagschlaf und Zeitung. Sie zeichnete – übrigens sehr hübsch, war kulturell am Ball; reiste mit Rotel; pflegte Kontakte; schwamm von April bis November im Starnberger See. Als sie schon ballaballa war ließ sich dabei von attraktiven männlichen Passanten retten wie ein sterbender Schwan. Ein Lob, in vorletzten Zügen zu mir hingehaucht: „Immer rege“ – in Klammern: ganz meine Tochter. Nun rücke ich meinem ÜberIch mit automatischem Zeichnen zu Leibe, ganz absichtslos. Oder bitte es zu Tisch. Oder lade es zum Dialog ein. Mein Überich erlaubt auch nicht Dicksein; vielleicht würde Dicksein ohne Überich Spaß machen? Was sagt mein ES dazu? Heute hat mir Ersteres gestattet, im Bett zu bleiben bei Novemberhimmel, was meinem ES entgegenkam. – Michael, befragt, wer sein ÜberIch sei: das sei ich.

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3 Antworten

  1. Ines sagt:

    Das ist so interssant, was du schreibst. Wir sollten uns bei einer der nächsten Schreibgruppe mal über unsere Mütter und das Über- Ich austauschen. Und am besten das automatische Zeichnen mit aufnehmen. Es ist ein bisschen wie Kunsttherapie, welche erstaunliche Erkenntnisse hervorholt, die durch Reden nicht zu Tage kommen. Dass Michael dich als sein Über-Ich bezeichnet, ist wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeint, aber heißt es doch, dass du für ihn in vieler Hinsicht ein Maßstab dafür bist, was richtig und falsch ist.

  2. Beate sagt:

    ja, ja, Mütter und Töchter- damit fange ich am besten gar nicht an. Habe in zehn Jahren Analyse viel Zeit und Tränen damit zugebracht. Vielleicht sollten wir doch mal alle zusammen einen Kurs bei Achim von Zieten, antroposopghische Kunsttherapie machen. Bei meiner Enkelin ist es leider kläglich mißlungen. ich habe wunderbare Zeichnungen von ihr gesehen, aber sie war den gesamten Kurs über verschlossen wie eine Auster.Liebe Heike, vielleicht zeichnen wir morgen einfach mal zusammen ins Blaue hineinen.

    • Heike sagt:

      Das machen wir. Zeichnen. Nicht so gern den Kurs. Ich hab Kunsttherapie im Studium als Schwerpunkt gemacht und bin heute mehr denn je überzeugt, dass ich übers Schreiben am meisten zu mir komme. Aber das, was ich momentan versuche, das machen wir sehr gern zusammen. Ines schrieb ja auch, ob wir das nicht einbauen können. Das ist durchaus möglich.

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